Standards spielen heisst: etwas Vertrautes in eigener Sprache auszugeben.
Wie überall im Leben und in der Kunst gibt es dabei verschiedene Freiheitsgrade, vom einfachen Nachspielen bis zum „arranging the hell out of something“ von Django Bates, das Gegen-den-Strich-Bürsten.
Auf dieser Skala, die man doch besser gegen das Bild eines Baumes von ansteigender Komplexität austauschen sollte, sitzt Hal Willner auf einem eigenen Ast.
Seine Interpretationen heben sich von vielen anderen ab, schon weil er selbst - von wenigen Momenten abgesehen - nicht manuell agiert.
Er liefert Konzepte. Er stiftet andere Musikhandwerker an. Er gibt Anregungen, Ideen.
Das tun andere Produzenten auch, von Manfred Eicher bis zurück Joachim Ernst Berendt.
Willner geht weiter, er denkt um Ecken, er delegiert Aufgaben, an die die Angesprochenen wohl selbst nicht gedacht hätten.
Er lässt zwei von den Rolling Stones, Keith Richards und Charlie Watts (nebst Stones-Helfern vom Bühnenhintergrund) Charles Mingus interpretieren, Elvis Costello mit dem Brodsky Quartet Kurt Weill, Chris Spedding und den einstigen Teenie Pop-Star Peter Frampton (Humble Pie, The Herd) Thelonious Monk (mit Marcus Miller am Baß!)
Sue, die Witwe von Charles Mingus, spricht zurecht von „Konfrontationen zwischen Musiker und Material, zwischen Musiker und Musiker“, in den liner notes von „Weird Nightmare - Meditations on Mingus“ (1992).
Bei diesem Projekt ging Willner noch einen Dreh weiter: er ließ die Beteiligen nicht nur ihre eigenen, sondern auch die skurrilen Instrumente von Harry Partch (1901-1974) spielen.
Wenn wir uns recht erinnern, brachte Bob Belden (1956-2015), dem solche Ideen aus der eigenen Praxis nicht fremd waren, dafür den Begriff des morphing ins Spiel.
Entfernt verwandt dazu dürfte das finnisches Ensemble Ambrosius sein, das auf seinem „Zappa album“ (2000) Zappa auf Barockinstrumenten.
Willner´s erstes Tribut-Projekt (wie es in Nachrufen bezeichnet wird) war „Amarcord Nino Rota“ (1981), u.a. mit Carla Bley, Branford und Wynton Marsalis.
Später produziert er u.a. Marianne Faithful und Lou Reed, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.
Hal Willner Penny Arcade 1Willner stammt aus Philadelphia, kam 1974 nach New York und lernte das Produzentenhandwerk an der Seite von Joel Dorn.
Einen Namen machte er sich vor den eigenen Musikprojekten als Produzent von TV-Shows.
Die ungeheuer kreative Rolle, der Standort dieses Nichtmusikers kommt - vielleicht unfreiwillig - in der Todesnachricht seiner Freundin Penny Arcade zum Ausdruck:
„Oh no! Not Hal…….Ladies and gentleman Hal Willner has left the auditorium.”
Hal Willner, geboren am 6. April 1956 in Philadelphia, starb am 7. April 2020 in New York City, einen Tag nach seinem 64. Geburtstag.
Sein Tod soll von Covid-19 verursacht sein.

 

 
Foto: Penny Arcade
erstellt: 08.04.20
©Michael Rüsenberg, 2020.
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