BEN ALLISON & MEDICINE WHEEL Buzz ********

1. Respiration (Ben Allison), 2. Buzz, 3. Green Al, 4. Mauritania (Michael Blake), 5. Erato (Andrew Hill), 6. R&B Fantasy (Ben Allison), 7. Across the Universe (Lennon, McCartney)

Ben Allison
- b, Michael Blake - ss, ts; Ted Nash - ts, fl;Clark Gayton - tb, Frank Kimbrough - p, ep; Michael Sarin - dr
rec 19./20.11.2003

SunnyMoon/Palmetto PM 2101; LC-Nr 12436

Wir wollen ehrlich sein. Ben Allison gehörte bis dato nicht zu den friends of jazzcity. Wir erinnern uns, wonach seine Kompositionen zu loben seien, an deren rhythmischer Ausführung es aber hapere. Skepsis also seitens JNE, als ein neues Album des New Yorker Bassisten hereingereicht wird, sein fünftes als Bandleader.

Mit dem Auftaktstück freilich hebt sich der Vorhang zu einem ganz neuen Kapitel: "Respiration" wird ab sofort in die Kategorie der Kühlschrank-Stücke aufgenommen (so wie andere des Nachts, von unbestimmtem Appetit geleitet, ihren Bosch aufsuchen, durchforsten wir zum gleichen Zeitpunkt, von ästhetischer Sucht getrieben, das Tonträgerarchiv, um geistige Nahrung für den Rest der Nacht aufzunehmen, vorzugsweise von Jeff Beck oder Tony Williams.)

"Respiration", ein gestrichener Bass-Ton pendelt im Stereo-Panorama und verschwindet rasch, das Piano setzt ein ostinato im 6/4-Takt, die Bassdrum drückt Triolen darunter. Ein e-piano gesellt sich zur bassdrum, die Bläser nehmen die Pianofigur als Pilotspur und setzen ein lang gezogenes, ober-cooles Thema drauf - so könnte es endlos weitergehen. Bei 2:40 dreht Frank Kimbrough die Richtung um 180 Grad, mit einem trockenen Piano-Solo in einen funky Gospel-Groove. Das ist so was von locker gespielt, mit ständigen Verlagerungen der Akzente, dass man lange braucht, um eine rhythmische Ordnung auszumachen. Kurz vor 5:00, ein nochmaliger Schwenk um 180 Grad, die Bläser bringen das Anfangsthema - in Zeitlupe - zurück, in einer hinterfotzigen Gruppierung von 2er und 3er Takten. Und jetzt geht einem ein Lichtlein auf: was im C-Teil hintereinander abläuft, liegt in der Mitte geschickt versteckt und im A-Teil am deutlichsten erkennbar übereinander- das gute alte, attraktive Spiel von 2 über 3.

Das Titelstück ist auch dreigeteilt, aber weniger komplex, und in der Mitte kommt uns ein alter Bekannter entgegen: dieser etwas zickige swing, vertraut von früheren Allison-Projekten. Aber irjenswie wirkt er hier stimmig, denn es handelt sich lediglich um eine andere Artikulation der - im weitesten Sinne - drum´n´bass-patterns, die Michael Sarin mehr zitiert denn wirklich ausführt. Ein schöner Kunstgriff.

"Green Al" bleibt im Cool-Modus der gesamten Unternehmung, eine Art easy-listening-Mambo. Dafür wartet "Mauritania“ wieder mit Einfällen auf - die freilich gar nicht von Allison, sondern von Michael Blake stammen. Der Titel legt eine afrikanische Lesart nahe, und in der Tat signalisiert Allison´s Part Verwandtschaft zum "Sahara Bass", der gembri. Sein Part steht aber in 5/4, und die Bläser zeigen eher süd-afrikanische Farben.

"Erato“ ist eine rubato Ballade von Andrew Hill, mit (mutmasslich) Ted Nash als Tenorsolist, einem der wenigen weissen Musiker aus dem Imperium Marsalis. "R&B Fantasy" lässt schon vom Titel her den Dax der Erwartungen nach oben schnellen, denn mit heissen Afro-Amerikanismen würden sich diese Herren denn doch übernehmen. Es erklingt - natürlich - das Gegenteil, ein cooler Bruder von "Respiration", mit einem pastoralen Thema in gemässigtem Tempo erst mal über 7/4, unter einem schaurig-rostigen Tenor-Salo (spielt nun Blake? oder wer oder was? Leider umfasst die Bemusterung nicht mehr das komplette booklet) baut sich dann ein "normaler" 2-Takte-vamp von 4/4 auf.

Ein Tenor wiederum leitet die Lesung von "Across the Universe" ein. Sie gilt in erster Linie der Melodie und wird in einer Weise vorgetragen, als gelte es, einen evangelischen Kirchentag zu beschliessen. Damit wir uns nicht missverstehen: auch unter Katholiken und Freigeistern verfehlt der glanzlose Charme einer solchen Darbietung seine Wirkung nicht, zumal wenn er logisch & ästhetisch ein solches Projekt abschliesst, sich gleichsam als zeitloses Resümee anbietet.

Vermutlich wird dieses "kleine“ Projekt nichts gegen Imaginäre Folklore oder Standards-Euphorie oder Sängerinnen-Hype ausrichten, weil es keinen Boden bietet, um eine Mode-Fahne des gegenwärtigen Jazz zu halten. Auch die Virtuosen-Sucher werden es überhören. Alles wurscht. Lasst sie nur herumlärmen.

Wir halten uns an ein Kleinod wie "Buzz" und staunen, was im heutigen Jazz konzeptionell noch möglich ist. Ohne grossen Aufwand.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten

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