WYNTON MARSALIS QUARTET The Magic Hour *********

1. Feeling of Jazz (Wynton Marsalis), 2. You and me, 3. Free to be 4. Baby, I love you, 5. Big fat Hen, 6. Skipping, 7. Sophie Rose-Rosalee, 8. The Magic Hour

Wynton Marsalis - tp, Eric Lewis - p, Carlos Henriquez - b, Ali Jackson - dr, Dianne Reeves, Bobby McFerrin - voc

rec 6./7.6.2003
Blue Note 7243 5 97903 2; LC-Nr 01333

Zum Auftakt ein Schluck aus der Jazz-Ideologie-Pulle. "Jazz bedeutet, wir können mit Individualität und Einfühlungsvermögen improvisieren, wir können wir selbst sein, zugleich die anderen beachten und uns auf sie verlassen. Wir können spielen. Mit unserem Spiel können wir beweisen, dass die beste humane Lösung immer eine besondere Leistung hervorbringt. Jazz stellt sich der Herausforderung einer Zeit, die von special effects nur so wimmelt; Jazzmusiker wissen: wenn all das Geschwätz verstummt ist, bleibt in der Kunst als wirklicher special effect der Mensch übrig."
Amen.
Hier blenden wir uns aus, denn im folgenden Satz verfärbt sich diese Jazz-Ideologie zusehens in eine profane Theologie. Dort spielt der Autor - auf hohem Niveau, yes Sir - das Spiel, das man von den Kanzeln gewohnt ist, ein
Wortspiel, das sich selbst genügt und völlig ablöst von Fakten. Nicht Markwort´s Fakten, Fakten, Fakten, sondern der Gegenstand, den der Autor überhaupt zum Anlass seiner Autorenschaft nimmt: dieses Album "The magic Hour". Konsequenterweise äussert sich Stanley Crouch im weiteren Verlauf seiner liner notes zwar über die beteiligten Musiker, aber keineswegs über die Musik. Er macht sich ausführlich allenfalls über den Album-Titel her, der den Moment meint, den Eltern aller Kulturen als "Zeit für die Gute Nacht Geschichte" kennen, genauer: wenn die Gute-Nacht-Geschichte die gewünschte Wirkung gezeitigt hat - "it is the joy of romance".

Nun gibt es sicherlich hinreichend Vertreter der gemeinen Jazzkritik, die aus dem Titelstück "The Magic Hour" genau das heraushören, was Crouch zuvor verbal hineingezaubert hat; sie werden bestenfalls Opfer einer verbalen Beschwörung, aber nicht Zeugen einer musikalischen Beschreibung. Wir aber, die wir der Instrumentalmusik genannt Jazz keine darstellenden Qualitäten zuschreiben, wir sperren einfach die Lauscher auf für das Stück, auf welches alle vorhergehenden zulaufen, das sie alle - ohne sie zu zitieren - in Form einer Suite aufsaugt.

"The Magic Hour", das sind 13 Minuten, die sich betont old fashioned geben, als wären die Musiker dem two-beat-Zeitalter nicht entwachsen. Aber alle, die sich am Instrumentarium des Marsalis Quartetts abmühen, werden blass, wenn sie hören, was diese Kollegen hier veranstalten. Der Bandleader beginnt mit Übungen im hohen Register, die in jedem FreeJazz-Kontext Stürme der Begeisterung hervorriefen; wenn er dann in Normallagen wechselt, zaubert er einen Vortrag aus Tongebung, Phrasierung und timing, der seinesgleichen sucht. Mag er auch noch soviel verbalen Unsinn verzapft haben, wenn His Wyntoness seinInstrument an die Lippen führt... ist alles vergessen, ist mit Worten kaum zu beschreiben, wie da einer in sich ruht und alles, aber auch alles spielen kann.

"The Magic Hour" ist eine 13-Minuten-Architektur aus Kontrasten. Die Free-Passage taucht mehrmals auf (aber niemals "free" im Rhythmus), es gibt alle möglichen Arten von Tempovariationen, es gibt Blues-, Latin- und New Orleans-Intermezzi. Und hier schlägt dann die "magische Stunde" der jungen Marsalis-Begleiter. Nichts, was sie vortragen, ist neu. Obgleich die Abweichungen im Nano-Bereich liegen, auf Papier sowieso nicht darstellbar sind, wirkt die Musik spritzig, frisch, würzig. Sie atmet aus der spezfischen Interaktion dieser Gruppe, zuletzt auch dank der räumlich-plastischen Produktion durch Marsalis´ jüngeren Bruder Delfeayo.

Ali Jackson, da muss man Wynton M. beipflichten, ist ein Riesentalent, insbesondere die Latin patterns gelingen ihm vorzüglich. Und Eric Lewis dürfte auf seinem Posten sogar die Garde seiner Vorgänger überragen, sein timing ist phänomenal.

Die beiden Vokalstücke mit Dianne Reeves ("Feeling of Jazz") und Bobby McFerrin ("Baby, I love you"), da hat die New York Times recht, braucht´s hier überhaupt nicht, sie sind beinahe Fremdkörper. Marsalis´ Rückkehr zur Klein-Combo nach gut 15 Jahren, nach Grossprojekten bis hin zum Sinfonieorchester, sein Einstand nach 20 Jahren und 30 Alben für Columbia bei Blue Note wird in dieser Flut an Veröffentlichungen einen vorderen Platz einnehmen.

"The Magic Hour" ist nicht zuletzt ein schöner Beleg für die Eingangsätze von Stanley Crouch, wo er eine These ventiliert, die unser Düsseldorfer Jazz-Philosoph Klaus König immer auch schon vertreten hat - dass im Jazz weniger das WAS, sondern das WIE zählt.

Bei Crouch lautet das: "Ein Team aus Musikern, das sehr wenig Musik aufschreibt und sehr wenig wiederholt, kann etwas aus dem Hut zaubern."

Aye aye Sir! So liest sich und so klingt die Neue Einfachheit - so einfach und so höllisch schwer!

©Michael Rüsenberg, 2004, Alle Rechte vorbehalten


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