TRIO BEYOND Saudades **********

CD 1: 01. If (Joe Henderson), 02. As one (Larry Goldings), 03. Allah be praised (Larry Young), 04. Saudades (DeJohnette, Scofield, Goldings), 05. Pee Wee (Tony Williams), 06. Spectrum (John McLaughlin)
CD 2: 01. Seven Steps to Heaven (Miles Davis, Victor Feldman), 02. I fall in Love too easily (Jule Styne), 03. Love in Blues (DeJohnette, Scofield, Goldings), 04. Big Nick (John Coltrane), 05. Emergency (Tony Williams)

John Scofield
- g, Larry Goldings - org, keyb; Jack DeJohnette - dr

rec 21.11.2004, Queen Elizabeth Hall, London
ECM 1972 9876531; LC-Nr 02516

"Im März 1997", schreibt Larry Goldings, im booklet dieser Do-CD, "rief mich Tony Williams an; er habe ein spezielles Projekt im Kopf und ich sei ihm dafür empfohlen worden."
Keine Telecom dieser Welt wird diesen Anruf bestätigen, es handelt sich nämlich um eine der berühmten Verbindungen mit dem Jenseits - im März 1997 war Tony Williams, gestorben am 23. Februar 1997 in San Francisco, nachweislich tot.
Dieser Fall für
Harald Welzer tut der Begeistung für diesen Tribut keinen Abbruch, auch nicht, dass Jack DeJohnette Coltrane´s "Big Nick" in der Ansage zu demselben auf das Lifetime-Album "Emergency" datiert, es stammt tatsächlich aus "Turn it over".
"Saudades" ist das beste in der Flut gegenwärtiger Tribut-Alben, gleichsam ein Doppeltribut, denn neben der inhaltlichuen Huldigung von
Tony Williams geht der Titel "Saudades" auch als Dank an den langjährigen europäischen Tourneeorganisator Thomas Stöwsand und dessen gleichnamige Agentur in Österreich.
Scofield, DeJohnette & Goldings treten zwar in der Formation von Williams legendärer Combo
Lifetime an, sind aber auch nicht im Traum der Versuchung erlegen, in deren Instrumentalgewand (z.B. deren nur per Zufall verwaschenen Sound) zu schlüpfen. Sie spielen vier Stücke aus dem Lifetime-Katalog, dazu ein Stück von Lifetime-Organist Larry Young, ein Stück von Williams für Miles Davis "E.S.P" und zwei weitere Stücke aus der Miles-Ära.
Das ist ein geschickter Schachzug. Sie setzen sich sich damit zumindest discografisch in ein Zeitfenster, in dem sie gerne mit Miles gespielt
hätten (nämlich des sogenannten Zweiten Quintetts), das aber vor der Zeit liegt, als DeJohnette und Scofield tatsächlich einer Miles-Combo angehört haben. Natürlich kann man immer und ohne jede weitere Begründung "Seven Steps to Heaven" oder "I fall in Love too easily" spielen, aber im im Rahmen eines Tony-Williams-Tributes, erzielt man damit eine gleichsam grössere Legitimation.
Blues ist die vorherrschende Form dieses Konzertmitschnittes aus der Queen Elizabeth Hall in London. Am Anfang steht einer, ãIf“ von Joe Henderson, aus Larry Young´s Album "Unity", gefolgt von einer rubato-Ballade, in der Goldings die Orgel in Young´schen Farben schillern lässt.
"Allah be praised" ist eine kurze Lifetime-Referenz (aus einer Zeit, als der Jihad noch unbekannt war), "Saudades", das Titelstück, eine schöne Jazzrock-Nummer über
New Orleans backbeat mit leichten Reggae-Anleihen. Zeitgenossenschaft ergibt sich hier insbesondere durch die neuen Effekte, die John Scofield aus seinen Fusspedalen zuschaltet, darunter Ringmodulator, Reverse und andere, namenlose Farbpigmente, die seinen typischen Sound modulieren, ohne ihn aufzublasen.
Nämliches erlaubt sich auch
Larry Goldings in "Spectrum", wo der fette Orgelklang mittels "Sampler", wie es im booklet heisst, in der Tonhöhe verschwimmt, was der Hammond B 3 von Natur aus nicht zu eigen ist. "Spectrum" ist ein schöner swing, den DeJohnette in seinem Solo reduziert bis auf das Gegeneinanderschlagen der beiden drum sticks.
CD 1 ist das Vorspiel, mit den ersten drei Stücken von CD 2 erklimmt der Konzertmitschnitt ein unerreichbares Niveau. Das Thema von "Seven Steps to Heaven" wird so phrasiert, dass die sieben Töne des Themas geradezu scharf gemeisselt erkennbar werden, "I fall in Love too easily" dann, eine wunderschöne Ballade aus dem Grossen Miles Book. Das Stück schliesst mit einer Blues-Phrase - und unvermittelt befinden wir uns im nächsten track, dem Gipfel des ganzen Unternehmens, ein absolutes Musterbeispiel an thematischer Ökonomie, Dramatik des Vortrages und konzeptioneller Form.
"Love in Blues" ist ein Kunststück der Extraklasse: das
Trio Beyond ist der Grossen Referenz, Tony Williams Lifetime 1969, am nächsten - und doch völlig bei sich und seinen eigenen Mitteln. Mit "Love in Blues" erzielen die drei mit ihren eigenen Mitteln eine Wirkung, die der der Original Emergency-Mannschaft in nichts nachsteht. "Love in Blues" verfügt über exorbitantes Suchtpotential, daran wollen wir uns hinfort trunken hören: an diesem 2 taktigen Blues-Vamp, 4 Minuten und 45 Sekunden, durchgehalten von Golding´s Orgel, gegen den Jack DeJohnette und John Scofield mit steigernder Intensität anrennen.
Scofields Solo ist ein einziges
Blues-Shouting. Hier rentiert sich, was der Mann als Frischling bei einem Jay McShann gelernt hat, nur wird es in heutige Münze zurückgezahlt: ein Blues-Solo mit - auf dem Papier - allen Noten an der richtigen Stelle, aber einem Klangbild, das nur so durchsetzt von den Techniken der Gegenwart: jede Menge Reverse-Effekte, die die Gitarre mitunter in eine Sitar verschwinden lassen - und dann pfeifft der Mann sich und die seinen aus diesem Gewitter zurück...mit einer knochentrockenen Blues-Phrase. Herrschaften, dafür gibt´s
Extrapunkte beim Jüngsten Gericht. Mag Sco noch soviel mit Bugge & den Wesseltofts aufgespielt haben - dieses Solo wiegt alles auf. Es ist schlicht unfassbar.
Die CD bzw. das Konzert klingt aus mit einem herrlich swingenden "Emergency", sozusagen der Mutter des Wahnsinns, den das Ur-Trio (Tony Williams, Larry Young, John McLaughlin) in den Jahren 1969/70 in die Welt gesetzt hat. Einen solchen
Flächenbrand kann heute keiner mehr erzeugen.
Wobei gattungsästhetisch von grosser Bedeutung ist, dass die Innovation von damals und die Erinnerng daran, dreieinhalb Jahrzehnte später, aus dem Wurzelwerk der Jazzmusik selbst erwachsen. Um sich zu wandeln, so wird dem Jazz heute gern unterstellt, müsse er sich mit artfremden Gattungen verbinden, je ferner desto besser. Gern wird dabei überhört, welch immenses Potential in der Gattung selbst (noch) steckt, ohne dass sie ihre "Grenzen" überwindet - Trio Beyond ist das beste Beispiel dafür.

erstellt: 24.06.06

©Michael Rüsenberg, 2006, Alle Rechte vorbehalten


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