PABLO HELD Elders *******

01. Morning Hour (Peter Held), 02. Hunters, 03. Poem Number Five, 04. Work Song, 05. Secreto (Mompou), 06. Nana (Manuel de Falla),  07. The Elders (Wayne Shorter), 08. Pastorale (Pablo Held), 09. Marcie (Joni Mitchell)

Pablo Held - p, Robert Landfermann - b, Jonas Burgwinkel - dr, Jason Seizer - ts, Domenic Landolf - fl, Ronny Graupe - g

rec. 03., 04. + 05. April 2013
Pirouet PIT 3075, LC-Nr 12741

Der Satz von Charlie Mariano (1923-2009), geäußert in dem Doku-Film über ihn („Last Visits“ von Axel Engstfeld, Kinostart 13.02.14), galt nicht nur in den 30er Jahren, sondern besass eine Jazzmusiker-Generationen übergreifende Gültigkeit: „Meine Eltern waren nicht begeistert von meiner Berufswahl Jazzmusiker. Sie meinten, ich sollte lieber einen richtigen Beruf ergreifen“.
Jazzmusiker werden, und sich dann in dieser Rolle behaupten, die erste Stufe in diesem lebenslangen Prozess war für die meisten der Dissenz mit dem Elternhaus, den einige zu bestimmten Epochen meinten, dann auch gegen die Gesellschaft insgesamt ausfechten zu müssen.
Die Berufswahl „Jazzmusiker“ hat ihren Charakter als Bürde in dieser Hinsicht weitgehend verloren, proportional zur anschwellenden Akademisierung der Ausbildung - sie ist ohne das Wohlwollen oder die Unterstützung der Eltern kaum denkbar. Insbesondere europäische Jazzmusiker, die heutzutage nicht mehr nur in ihren Heimatländern studiert haben, sondern fast exklusiv auch den einen oder anderen US-Aufenthalt in ihrer „Bio“ aufführen, gelänge dies schwerlich, ohne Papa´s Wertpapierdepot zu belasten.
Das deutlichste Manifest dieser Entwicklung ist diese Produktion, das fünfte Album des 1986 in Herdecke geborenen Pianisten Pablo Held. Der Titel greift weit über die gleichnamige Komposition von Wayne Shorter hinaus (die hier auch interpretiert wird), er hat paradigmatischen Charakter, er ist als Dank an die „Elders“, an die Älteren, zu verstehen. Held widmet nicht nur das Album seinen Eltern (das kommt öfter vor), er spielt auch Musik seines Vaters; das hat er auf „Glow“ (2010) zwar auch schon getan, aber hier sind es gleich vier Kompositionen.
Peter Held ist Klavierlehrer in Hagen, kein ruhmreicher Vorgänger, insoweit liegt dieser Fall völlig anders als die Beispiele Karlheinz/Markus Stockhausen oder gar John/Ravi Coltrane, die einem in diesem Zusammenhang einfallen mögen.
Und noch ein Faktum, was das Zusammenspiel von Held & Held, die Konsequenz von Förderung und ihren Folgen zu einem beispiellosen Vorgang macht: am 31.01.2014, 20 Jahre nachdem sein Vater ihn zu einem seiner Konzerte mitgenommen hat, spielt Pablo Held, der Pianist, auf der Bühne der Philharmonie Köln mit dem Helden seiner Kindertage - John Scofield!
20 Jahre, das ist eine unwahrscheinlich kurze Inkubationszeit für einen Vorgang, der noch gar keinen Begriff hat, also für die Spanne zwischen einem ersten Impuls und einem Treffen mit dem Impulsgeber auf - Entschuldigung für das allfällige Wort - Augenhöhe.
Das mag kaum gelingen, wenn man als Künstler einem irjenswie „oppositionellen“ Gestus huldigt. Pablo Held siedelt am anderen Ende der Fahnenstange: er vertritt eine gleichsam klassizistische Haltung, er schwimmt im großen Fluss der Jazz-Tradition(en), als beeindruckend Pianist, als Leiter eines unglaublich gut eingespielten Trios - er ist viel mehr Interpret als Komponist.
cover-held-elders„Elders“ beginnt mit einer Komposition von Peter Held, verhalten, rubato, mit tremolierender akustischer Gitarre (Ronnie Graupe spielt durchgehend akustisch), ein vorsichtiges Sich-Einstimmen. Man ahnt kaum, welches Geschlecht die Original-Komposition haben mag.
„Hunters“ kommt ausgesprochen heiter daher, der Jazz-Charakter ist viel deutlicher, man kann sich die akustischen Return To Forever als ferne Verwandte vorstellen; für den „Work Song“ gilt ähnliches.
Mit „Secreto“ greift Pablo Held - wie schon auf seinem Debüt „Forest of Oblivion (2007 - ein Stück des Katalanen Frederic Mompou (1893-1987) auf, eine Vorliebe, die in der Jazzwelt allenfalls noch der venezolanische Pianist Edward Simon teilt. Obwohl strukturell ganz anders gelagert („Secreto“ spielt das Held Trio, „Nana“ das gesamte Ensemble) gehören beide Stücke doch unmittelbar zusammen: „Secreto“ repräsentiert die kammermusikalische Seite des Trios, „Nana“ - obgleich nicht von einem Jazzkomponisten stammend - den Ausbruch aus dem klassizistischen Käfig, kurioserweise nach einem Nicht-Jazz-Thema.
Pablo Held betont und demonstriert, dass im tonalen Jazz noch nicht alles gesagt ist. Er hat recht, vor allem rhythmisch ist vieles möglich. Hinter den Solisten, Graupe zuerst, dann dem Coltrane´sken Tenor von Jason Seizer (Labelchef von Pirouet), von Held mit McCoy Tyner´schen Blockakkorden unterlegt, agiert die Rhythmusgruppe mit einer Delikatesse sondergleichen, sodass man gelegentlich rätselt: ist das noch broken swing, oder das Metrum schon aufgelöst? Hinter Held gibt´s kein Halten mehr: Herrschaften, wann hat der deutsche Jazz solche flexiblen, in sich verzahnten Ensembles gehabt? Man greift nicht zu hoch, wenn man dieses Trio auf einer Ebene mit dem Albert Mangelsdorff Quintett und dem Joachim Kühn Trio (mit Daniel Humair und J.F. Jenny-Clarke) sieht. Hier zahlt sich achtjährige gemeinsame Erfahrung aus.
„Nana“ ist´s - bis hier war alles nur Vorspiel. Von hier an geht´s berauf.
Das ist ja die süsse Crux dieses Trios: es ist dermaßen eingepegelt, dass wo immer Held-Landfermann-Burgwinkel gemeinsam auftreten, Konzepte an Bedeutung einbüssen, und sei es der Tribut an den eigenen Vater.
Wayne Shorters „Elders“ hingegen funktioniert wunderbar mit diesem Ensemble, das einfache Themas lässt sich nahezu endlos leicht vielstimmig herumreichen.
Und dann „Pastorale“ von Pablo Held! Zwei Flöten (Domenic Landolf), gesetzt als stammten sie aus einem Mellotron, ein paar Piano-Tupfer, mal staccato an der Decke schwebend, Cymbals im Schlussakkord - zwei Minuten geradezu filmischer Narration!
Beinahe unmerklich schliesst sich „Marcie“ von Joni Mitchell an, melodisch noch so eine Autorin simpler Geschichten, die sich vorzüglich mit eigenen Mittel weitererzählen lassen.

erstellt: 29.11.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


 


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