CHRISTIAN SCOTT ATUNDE ADJUAH Axiom *******

01 X. Adjuah - I Own the Night (Christian Scott), 02. The last Chiefrain, 03. Guinevere (David Crosby), 04. Songs she never heard (Scott), 05. Sunrise in Beijing, 06. Huntress, 07. Incarnation, 08. West of the West, 09. Diaspora, 10. Introductions, 11. Guinevere alt take, 12. The Last Chieftain alt take, 13.Songs she never heard alt take, 14 Huntress alt take

Christian Scott aTunde Adjuah - tp, flh, perc, Elena Pinderhughes - fl, Alex Hahn - as, Lawrence Fields - p, keyb, Kris Funn - b, Weedie Braimah - djembe, conga, bata, perc, Corey Fonville - dr, SPDSX

rec. 11.-15.03.2020
Ropeadope RAD-600


Auch dieses Album zählt zu den Corona Recordings; aber nicht zur Lockdown-Abteilung (wie etwa die Heimproduktionen von Brad Mehldau, Chris Potter, Nils Wogram u.a.), sondern zur viel schmaleren Kategorie der gerade-noch-so-erlaubten: das Album beruht auf Live-Mitschnitten aus dem Blue Note in New York City zwischen dem 11. und 15. März 2020.
Nach dem furiosen Start „I own the Night“ (ein Radiohead—artiges Piano-Opening, das die Rhythmusgruppe in doppeltem Tempo davonstiehlt und die Bläser ein Fanfaren-Thema obenauf betten), geht Christian Scott auf die Umstände des Konzertes ein.
Er wünscht den Besuchern einen entspannten Abend, sie sollten sich frei & sicher fühlen, und solange sie dabei nicht niesen, ginge es allen gut.
Hier hat er die Lacher auf seiner Seite. Zuvor hatte er, eher beiläufig, sein ästhetisches Credo vorgestellt.
Demnach hätten wir uns gerade in das zweite Jahrhundert von creative improvised music begeben; und an Orten wie diesem - er spricht & spielt ja in einem der berühmtesten Jazzclubs - würde man wohl den verpönten Begriff Jazz dafür bevorzugen.
Er hat nichts dagegen (da ist er, ohne es auszusprechen, großzügiger als sein gleichfalls aus New Orleans stammender Instrumentalkollege und Begriffsschmied Nicholas Payton).
Der Begriff Jazz (und da macht er einen inner-amerikanischen Scherz, der ein akademisches Umfeld suggerieren soll) habe aber gar nichts zu tun damit, „where this music´s power rests“.
Das werde er im Folgenden einer Re-Evaluation unterziehen, einer Neubewertung, einer Neueinschätzung.
Der geneigte Zuhörer ahnt an dieser Stelle bereits, wie sehr der Klangpraktiker Scott den Umfang dieser anspruchsvollen Aufgabe unterschätzt und sich - wir sind ja im Jazz - mit einem wolkigen Appell begnügt („where this music´s power rests“).
Ja, woher kommt denn die Kraft dieser Musik?
Sie kommt - das zeigen diese Abende im Blue Note New York City - aus dem gekonnten Befolgen altbekannter Tugenden einer Musik namens Jazz. Sie hat demzufolge keinerlei sprachliche Neujustierung nötig.
Selbst die Überraschung des Albums, das Ausgreifen auf ein scheinbar entferntes Genre, entspricht allerspätestens seit John Coltrane´s „My favorite things“ (1960) einer alltäglichen Praxis des Jazz.

"Guinevere"

cover Scott Axiom 150 Jahre vor Christian Scott, am 21. Januar 1970, spielt Miles Davis in den Columbia Studios zu New York City „Guinevere“ an, einen unauffälligen Hippie-Song von David Crosby (für das erste Album von Crosby, Stills & Nash, 1969).
Miles kannte das Folk-Rock-Trio; er hatte im Fillmore West in deren Vorprogramm gespielt.
„Guinevere“ in seiner Version wird 1979 auf „Circle in the Round“ veröffentlicht, später dann vollständig in den „Complete Bitches Brew Sessions“.
Trotz Star-Besetzung (u.a. mit Billy Cobham, Jack DeJohnette, Chick Corea, Joe Zawinul) kann er wenig damit anfangen, die Session schleppt sich zwanzig Minuten dahin.
Miles´ Methode der Interpretation, die Peter Niklas Wilson klugt beschreibt (…“ein „Beispiel für die in ´Nefertiti´gefundene Praxis des ´ewigen Themas´. Immer wieder wird die schwebende Melodie intoniert, interpoliert mit knappen Improvisationen und bizarren Klangtexturen…“) zündet einfach nicht.
Scott nun hält sich weniger an Crosby als an Miles. Und ihm gelingt absolut eine Neubewertung. Er hat weniger "das ewige Thema" im Kopf, lässt sich auch nicht durch das lähmende 4-Ton-ostinato des Basses (bei Miles bedient von Dave Holland) einbetonieren, sondern gibt den Raum frei: für sich und für den Pianisten Lawrence Fields als Solisten.
Scott gibt den Über-Miles, schmettert, springt in die Höhe, spitzt zu, knüpft Phrasenketten wie Miles in seinen besten Zeiten. Dann Lawrence Fields am E-Piano. Perlende Läufe mit viel Hancock-Aroma über das gesamte Stereo-Panorama.
Der Mittelteil von „Guinevere“ hebt vollkommen ab vom früheren Balladencharakter.
Und das ist das Werk der Rhythmusgruppe mit dem langjährigen Bassisten Kris Funn, dem Schlagzeuger Corey Fonville, vor allem dem Perkussionisten Weedie Braimah.
Das kann man gerne „Re-Evalutation“ nennen, eine Neubewertung, zumindest von „Guinevere“, fünfzig Jahre nach „Bitches Brew“.
Eine Neubewertung im Stile von „Bitches Brew“ - und doch viel dynamischer, energiereicher, expressiver als die Referenz-Session.
In der CD-Version nicht, aber unter den download-files des Albums wird eine alternative Fassung von „Guinevere“ angeboten. Alex Hahn (man kennt ihn aus den Bands von Marcus Miller) tritt als Solist hinzu - gegenüber der gefeierten, längeren Fassung fällt sie ab.
Das Urteil lässt sich auf große Teile des Albums ausweiten. Der Chef (Scott nennt sich selbst „chieftain“ seines Stammes) spielt blendend, am ehesten folgt ihm noch der Pianist, ganz sicher aber die Rhythmusgruppe, dominiert von dem nun wirklich durchdringenden Perkussionsfeuerwerk von Weedie Braimah auf djembe, conga und bata.
Wenn die drei, was sie häufig tun, in doppeltem Tempo davonrasen, gibt´s wirklich Alarm.
Aber neu ist das wirklich alles nicht, man hat es ähnlich - außer bei Miles - auch bei Hubert Laws und Freddie Hubbard in ihren Funk-Tagen gehört. Einen neuen Begriff braucht´s dafür nun wirklich nicht.

erstellt: 29.12.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


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