SEBASTIAN GRAMSS SLOWFOX Gentle Giants *********

01. And those (Gramss), 02. Who were, 03. Seen Dancing (Gramss, Zoubek), 04. Were (Gramss), 05. Thought, 06. To be, 07. Insane, 08. By, 09. Those (Gramss, Zoubek), 10. Who  (Gramss), 11. Could, 11. Not, 12. Hear, 3. The, 14. Music

Sebastian Gramss - b, Hayden Chisholm - as, Philip Zoubek - p

rec. 12.-14.09.2016

Traumton 4645

NAUTILUS Infrablue *******

01. Infrablue (Jürgen Friedrich), 02. Star Shepherd (Chisholm), 03. Armageddon  (Jürgen Friedrich), 04. Make me humble (Lucaciu), 05. Reblot  (Jürgen Friedrich), 06. Inward Expansion (Chisholm), 07. Fly, 08. Kleine None Grosse Reise (Lucaciu),  09.Love Rush (Chisholm)

Hayden Chisholm - as, Jürgen Friedrich - p, Robert Lucaciu - b, Philipp Scholz - dr

rec. 14. + 15.05.2015

Two Rivers Records TRR-011

NILS WOGRAM ROOT 70 Luxury Habits ********

01. Luxury Habits (Wogram), 02. To don´t List, 03. Rehearsing the Future, 04. Flattery, 05. It´s arrogant to call me arrogant, 06. Rich Kid, 07. Party Anxiety (Jochen Rückert), 08. Starting from zero (Wogram), 09. Piazza

Nils Wogram - tb, mel, Hayden Chisholm - as, Matt Penman - b
, Jochen Rückert - dr

re. 17. + 18.01.2016

NWog Records 017

Springtime 2017 was Hayden time. Allein drei Alben sind in diesem Zeitraum unter seiner Mitwirkung erschienen; mit diesen drei Ensembles war er unterwegs; nur bei einem mit ein paar eigenen Stücken, insgesamt also nicht als leader, nominell als sideman.
Aber was heißt das schon, wenn man sein flötenhaftes Altsaxophon in der Band hat? Es prägt den Sound, es prägt die Struktur; wer Hayden Chisholm bucht, trifft eine Richtungsentscheidung.
Es geht in Richtung neo cool. Neo Cool Germania.
Slowfox waren als erste auf Tour. „Gentle Giants“ ist ihr zweites Album - und wenn nichts Gravierenderes mehr hinzutritt, reicht der Eindruck dieser 55 Minuten schon jetzt, um darin einen Anwärter auf den Titel „Album des Jahres 2017, Jazz aus Deutschland“ zu erkennen.
Der Neo Cool Jazz, wie er wesentlich, aber nicht nur von Hayden Chisholm, ausgeht, feiert hier ein Fest, ergänzt um Einflüsse aus der Minimal Music und elektronisch äußerst subtil verwobene Klangfarben.
cover slowfoxVor allem, „Gentle Giants“ ist ein Fest der Melodik.
Der Titel spiegelt aufs Trefflichste das Geflecht der kleinen Linien, klangfarblichen Schattierungen und Wiederholungsformen, bis hinein in eine Spieluhren-Ästhetik - "kleine Giganten".
Track 3 z.B. ist ein Traum aus diesen Zutaten. Es beginnt mit einem minimal pattern vom staccato Kontrabass, klangfarblich so leicht transformiert, dass man es gerade noch wahrnehmen kann. Das Piano setzt sich obenauf, das Altsax folgt, der Duktus bleibt tänzerisch-mechanisch, fällt ins Perkussive, Anschlagsgeräusche von Piano und Kontrabass in den oberen Registern.
Der flackerende Puls bleibt bestehen, wird kontrastiert aus leichtem elektronischen Schwebeklang, das thematische Material aus Piano und Altsax ist gar nicht mal Chick Corea-fern.
Und das ist eine Überraschung. Dass Philip Zoubek, ein Österreicher in Köln, der die Saiten seines Instrumentes vorzugsweise a la John Cage mit allerlei Material präpariert und ihnen so das übliche Schwingungsverhalten austreibt, dass der „Avantgardist“ Zoubek dermaßen rhythmisch als Pianist besteht, in der Konvention.
Man höre z.B. das kleine Holzklopfer-Besteck, mit dem er in track 6 („to be“) die beiden anderen, rubato spielenden Instrumente umgarnt - und dann nach eineinhalb Minuten, man fasst es nicht, in einen Blues-Groove schreitet. Die anmutige Melodei ziert auch diesen Umhang.
Und das ist - neben aller kammermusikalischer Meisterschaft - das Frappierendste an dieser Produktion: der deutsche Jazz hat selten einen solchen melodischen Zauber gezeigt, er ist geradezu melodie-versessen. Und rutscht auf diesem Eis nicht aus.
Ein Wort noch zur Titelei, praktiziert auch auf dem Vorgänger-Album „The Wood“ (2014), auch Wayne Krantz folgt auf „Long to be loose“ (1993) einem ähnlichen Gedanken:
die Titel, einzeln, ergeben keinen Sinn, sondern aneinandergereiht einen Satz, der laut Sebastian Gramss Friedrich Nietzsche zugeschrieben wird (obwohl dessen Autorenschaft nicht sicher ist), aber folgt doch einer hübschen Poetik:
„And those who were seen dancing were thought to be insane by those who could not hear the music“;
nebenbei, ein wunderbarer Kunstgriff, um dem Problem der Titelfindung in instrumentaler Musik zu entgehen.

cover nautilusSlowfox kommt aus Köln.
Nautilus hingegen ist hälftig auf Köln und Leipzig verteilt; und obwohl sie sich von den composer credits her unterproportional beteiligen, halten die beiden jungen Leipziger Robert Lucaciu, b, und Philipp Scholz, dr, das Quartett in Betrieb.
Nautilus startet gleichfalls kammermusikalisch cool mit zwei Stücken der Kölner Musiker, wobei Hayden Chisholm im opener multiphonics, also Überblaseffekte, an der Grenze der Wahrnehm-
barkeit fast schon versteckt.
Sein Ton ist flötenhafter als sonst, er passt gut zu dem überhaupt nicht patternhaft eingesetzten Piano; ein Höhepunkt dieser Verdichtung - später - das im rubato an eine Art tonalen FreeJazz heranreichende „Inward Expansion“.
Mit „Armageddon“ bringt Jürgen Friedrich nach den ersten 10 Minuten der Produktion deutlich Bewegung ins Spiel, mit einem Chick Corea-ähnlicher Duktus, der im ritardando, einer zunehmenden Verlangsamung, schließt.
Solche Abweichungen von der Konvention sind weniger ohrenfällig als bei Slowfox. Am deutlichsten treten sie bei „Kleine None Grosse Reise“ hervor; Chisholm pendelt zwischen blue notes und multiphonics, die gestische Grundhaltung ist wieder rubato, wonach ein Beat im crescendo sich aufbäumt und Lucaciu, der Komponist, unsere Empfindungen von Konsonanz/Dissonanz mit einem zweitönig gestrichenen Bass-Solo hart auf die Probe stellt.
Es sind solche konzeptionellen Unwuchten, die bei „Infrablue“ den Charakter eines Debüts eben doch nicht verbergen.

root 70 luxuryNils Wogram Root 70 hingegen, die Könige des Neo Cool, befinden sich in ihrem 18. Jahr - ihr Gestaltungswille und -kraft sind ungebrochen.
Die Talsohle ihres Standards-Albums „Wise Men can be wrong“, 2014 ist durchschritten.
Wohlweislich hatten die vier auf jener Tournee auch Material dieses neuen, ihres achten Albums „Luxury Habits“ vorgestellt.
Die Antizipation von damals trügt nicht: Root 70 sind wieder so-was-von-kompakt, und rhythmischer sind sie auch!
Die Komplexitäten, rasend verpackt, nehmen wieder kein Ende:
multiphonics bis zum Abwinken, Rhythmuswechsel ohne Ende, alles von 4/4 über 6/4 und 5/4 bis 15/8 und 17/8, double time, half time, riff-Themen, dr-solo gegen riff, slow swing, uptempo swing, walking bass, unisono gespielte Linien aus dem EffEff, rasante Soli… ja, es sind „luxury habits“.
Das ist ein Jazz, der verschwenderisch aus dem Vollen schöpft, der sich seiner unglaublichen Meisterschaft bewusst ist, und sie doch - zieht man den Bühnen-Eindruck heran - hinter der Geste des Beiläufigen geradezu versteckt.
(Es gibt viele, die, verfügten sie über ein solches Können, es vom Scheitel bis zur Sohle zum Ausdruck brächten, in jeder Sekunde.)
Und das Schönste: viele von diesen Angaben, die ja auch als Hörhilfen verstanden werden können, lassen sich aus einem Sonett von Ahmed Shabo herauslesen.
Ja, Nils Wogram (man scheut sich zu sagen, „der Kopf“ der Gruppe),
der Bandleader, der Chef des Labels, hat sich zum achten Album etwas einfallen lassen. Er hat erneut auf Ahmed Shabo zurückgegriffen (der Druckfehlerteufel verhunzt ihn auch zu Ahmned Shabo).
Dem Vernehmen nach soll es sich dabei um einen mittel-amerikanischen Intellektuellen handeln, der den Mitgliedern von Root 70 vor einigen Jahren in New York City begegnete.
Shabo ist eine Vielfachbegabung. Nicht nur, dass er in Form eines Sonetts die Stücke dieses Albums einzeln poetisch ausleuchtet und musikalische Charakteristika dabei streift (nebenbei, eine ganz neue Form der liner notes), er war für das booklet auch als Photograph tätig.
Und enthüllt dabei die drinking habits der Bandmitglieder: demnach sind drei von ihnen Biertrinker (Nils Wogram, Hayden Chisholm, Matt Penman), lediglich Jochen Rückert nuckelt an einer Plastikflasche; es ist nicht erkennbar, ob mit prickelndem oder stillem Wasser.

PS (02.08.17)
Nachricht von Ahmed Shabo: Neo Cool Germania, der Begriff gefällt ihm.
Und, die Trinkfotos sollten wir nicht dokumentarisch verstehen.


erstellt: 24.07.17
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