Am 29. Juni 2018 erscheint ein wirklich neues Album von John Coltrane: „Both Directions at Once“, die Veröffentlichung lange verschollener Bänder aus dem März 1963.
Das Großfeuilleton steht Kopf; es hat vorzeitig Kopien erhalten und räumt dem Jazz Platz ein wie lange nicht mehr.
Es schreitet voran: ja, die SZ, aber folks - unfallfrei.
In der Wochenendausgabe vom 9./10. Juni erscheint eine Jubel-Rezension (die man nachvollziehen kann), eine Woche später führt, auch mit Hilfe des SZ-New York-Korrespondenten Christian Zaschke, eine gut geschriebene Reportage an den heutigen und damaligen Ort des Geschehens, die Van Gelder Studios in Englewood Cliffs/NJ.
Dafür gibt sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (17.06.2018) SZ-artig.
Großes Lob für „Both Directions at Once“ ist durchsetzt mit ranzigen Beobachtungen zum Jazz der Gegenwart.
„Wenn jetzt auf der ganzen Welt die Musikmedien verrückt spielen“, sei das auch „ein Indiz dafür, wie mittelmäßig der aktuelle Jazz funktioniert.“
Nach dem fragwürdigen Prädikat folgt eine Positiv-Liste, die zeigt, dass der Hör-Radius des FAS-Autors Thomas Lindemann noch Erweiterungen jenseits des Angebotes von major labels verträgt:
„Michael Wollny, Snarky Puppy, Brad Mehldau, Dirty Loops und Jacob Collier.“
Später gibt Lindemann zu verstehen, dass er weiß, was ein turnaround ist - andererseits schiesst vor seinen Ohren „das Altsaxophon in schwindelnde Höhen".
Was uns einen Moment lang an jene untadelige Frankfurter Oberbürgermeisterin erinnert, die dieses Instrument partout von Albert Mangelsdorff gespielt gehört haben wollte…
Nun denn, wir kennen „Nature Boy“ in der Fassung von John Coltrane (noch) nicht, und vielleicht erhebt sich sein Tenor tatsächlich in Höhen, die dem Alt vorbehalten sind.
Ein Hörfehler, kann jedem unterlaufen.
Viel luftiger aber ist diese Denkfigur: „Beethoven, Bach, Coltrane, diese Namen hört man in einem Atemzug immer wieder mal…“
Wer auch immer soviel Luft darin investiert - Lindemann hält diese Reihung für „Unsinn“.
Und seine Begründung dafür ist selbiger. Im Quadrat > Unsinn hoch zwei.
„Bach und  Beethoven haben die musikalische Sprache, mit der wir heute leben, erst erfunden und ihe Grenzen immer weiter verschoben. Coltrane nicht, er bleibt Jazzer und bewegt sich als solcher innerhalb eines Idioms.“
Wahrscheinlich, weil auch der größte Jazz nur „mittelmäßig funktioniert“.

erstellt: 18.06.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten