Heute rennt Zeit Online offene Scheunentore ein:
„Vergeßt das Köln Concert!“
Eine drollige Nachricht, Jahrzehnte nachdem der Künstler selbst das Werk wollte einstampfen lassen und es in etlichen Nachfolge-
aufnahmen qualitativ überboten hat.
Zur Ehrenrettung von Reinhard Köchl sei gesagt, dass die Überschrift (durch die Redaktion) seine Rezension von „La Fenice“ weitaus mehr anspitzt als es sein Text hergibt.
Obgleich er dort vor lauter Superlativen („Das Album gehört zu den balanciertesten, reifsten, komplettesten, mithin nachhaltigsten Aufnahmen seiner umfangreichen Diskografie, entstanden auf dem Höhepunkt seines Schaffens.“) das Wasser kaum halten kann.
Geschenkt.
Uns interessiert hier jetzt etwas anderes. Denn Köchl gibt der faulen These, Jazz sei die neue Klassik, frisch gärende Nahrung.
„Wie der Jazzpianist Keith Jarrett gerade drauf ist, das weiß seit Jahrzehnten eigentlich jeder, der sich für ihn interessiert. Seine Musik, die Titel und Beigeschichten seiner Liveaufnahmen übermitteln zuverlässig den gerade aktuellen emotionalen Pegelstand. Wie ein Regenradar zeigen sie zurückliegende oder anstehende Hoch- und Tiefdruckgebiete an, warnen vor Hurrikans und geben manchmal sogar Erklärungen für vergangene Katastrophen. Natürlich ist das auch der Fall bei der neuesten Veröffentlichung La Fenice, aufgenommen im gleichnamigen Theater in Venedig am 19. Juli 2006, einem der heiligen Konzertsäle der klassischen Musik.“
Das ist die 1:1-Übernahme jenes Biografismus aus der Publizistik der Klassischen Musik, der wehrlose Noten und Schallwellen mit Bedeutung aus externen Quellen auflädt, um sie sich zu Freunden zu machen.
Das sind Aussagen, die kaum widerlegt werden können. Sie stimmen irjenswie immer, vor allem machen sie mächtig Eindruck. „Ich habe verstanden.“
Bei Köchl klingt das so:
„Zu erleben gibt es hier den kompletten Jarrett. Den Wankelmütigen, den Forscher, den Aggressiven, den atonalen Brandstifter, den schwelgenden Balladenträumer, den grinsenden Tapdancer, den rasenden Bebopflitzer, den störrischen Akkordstanzer, den Jongleur des Banalen. Es scheint, als sei er in jenen Tagen absolut mit sich im Reinen gewesen. Dabei gelang ihm etwas, wonach er jahrzehntelang vergeblich gesucht hatte: den reißenden Fluss seiner Inspiration endlich zu kanalisieren und seine eigenen Ansprüche zu erfüllen.“
Hilft es, darauf hinzuweisen, dass Jarrett selbst hier und da die Beobachtung seines Biografen Ian Carr „bestätigt“ hat, wonach er häufig dann gut sei, wenn die Umstände widrig?
Wer war da „mit sich im Reinen“?

erstellt: 16.10.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten