Deep Jazz!
Wow. Jetzt müssten eigentlich alle aufspringen und wenigstens einen Funk-Rhythmus schnippen. Sie alle wissen, dass es sich bei Deep Jazz nicht nur um einen „neuen Begriff (handelt), der sich gerade durchsetzt“, sondern daß er auch „einen weißen Fleck der Musikgeschichte zugänglich macht.“
Komisch nur, dass keiner aufspringt.
Weißer Fleck entdeckt, das ist doch was!
Sagt jedenfalls die SZ (12./13.01.19). Deep Jazz sei „ein neuer Begriff für eine Zeit, auf die sich die junge Garde des Hip-Hop und Jazz bezieht.“

Und, yes folks, in dieser Kohorte befindet sich selbstverständlich auch … der Herr Kamasi.
Er orientiert sich eben nicht nur an John Coltrane, Archie Shepp oder Albert Ayler, wie wir hören, sondern eben auch an Deep Jazz.
Dessen Vertreter stammen samt und sonders aus einer Zeit, die bis dato mit Hard Bop oder Funk Jazz ganz gut beschrieben war, also aus den späten 60ern bis späten 70ern. Ihre Platten waren bislang nicht so leicht zu finden, weil die Künstler überwiegend aus der zweiten Reihe stammen, auf kleinen und „Kleinstlabels“ (SZ) publizierten und von der Wiederveröffentlichungswelle, erst auf CD, inzwischen erneut Vinyl, kaum erfasst wurden.
Dort aber, so frischen Unerschrockene ihre Erinnerung aus jenem Zeitfenster auf, machten sie im Prinzip nichts anderes als die aus der ersten Reihe. Bloß, dass jene bei CBS, bei den verschiedenen Warner Brothers, bei Blue Note, gerne auch bei CTI oder A&M unter Vertrag waren.
Deep Jazz ist auch keine Begriff von ihnen, sondern aus der Welt der Vermarkter. Und wieder einmal aus London.
So, wie dort im Sommer 1987 in einem Pub Vertreter verschiedener Labels das Etikett „Worldmusic“ prägten, hat der Besitzer eines Plattenladens in Soho, Stuart Baker, den neuen Begriff in die Welt geblasen.
„Auf den Begriff Deep Jazz kam er, als er vor fünfzehn Jahren einen Sampler mit Jazz zusammenstellte, der sich im Spannungsfeld zwischen Spiritualität und politischer Agitation bewegte.“ (SZ)
Darauf so „weiße Flecken“ und „politische Agitatoren“ wie Alice Coltrane, Sun Ra und Archie Shepp, nebst weniger bekannten wie Stanley Cowell oder das East New York Ensemble. Cowell hielt immerhin mit Charles Tolliver das Strata East Label, dessen Produktionen jetzt erneut auf den Markt kommen.
Die SZ findet den Begriff toll, weil die Musik „tief in den Annalen vergraben ist“ (demnach wäre das „neue“ Coltrane-Album „Both Directions at once“ quasi super-deep), und weil Leute wie Baker und einige der betreffenden Musiker beim Wiederauflegen „tief an die Wurzeln der schwarzen Kultur gehen“.
Musikethnologen kommen bei diesem Bild vor Lachen nicht in den Schlaf. Sie wissen, was es heißt, eine „Wurzel“ entdeckt zu haben: nämlich dass sie damit lediglich ein Fragment eines ganzen Wurzelwerkes freigelegt haben, dessen ältestes Teilchen potenziell niemals entdeckt wird.
Schon gar nicht, wenn die Wurzel gerade mal 50 Jahre „deep“ ist.

erstellt: 14.01.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten