Es ist leicht, Theo Croker gut zu finden.
Er hat einen flüssigen Trompetenton, geht klug mit HipHop um, kann sich aber auch in der Hardbop-Tradition behaupten.
Er ist gut, sein Programm abwechslungsreich, aber er hebt sich auch nicht ab; vieles, was er macht, macht z.B. Christian Scott genauso gut.
In der Inszenierung aber schlägt Croker andere Instrumentalkollegen um Längen: entrückter Blick, von oben herab, Dreadlocks hochgesteckt, mal zeigt er sich im Designerdress, gern auch mit bloßem Oberkörper - so einer kann Kopf & Ohren verdrehen.
Bei Andrian Kreye (SZ 9./10.11.19) ist er gelandet.
Der Feuilletonchef hat in Croker erneut einen „Visionär“ erkannt, darunter vergibt er seine Zuneigung nicht, „ein Visionär jener Musik (…), die man pauschal als Post-Hip-Hop-Jazz bezeichnen könnte“.
Geht in Ordnung. Sowieso. Genau.
Den Stilbegriff kann man so stehenlassen, weil gleich darauf eine Blendgranate sowie alles wegsengt:

„Die Verklärung der Jugend ist nicht viel mehr als die Umkehrung der Romantisierung der Greise, die im Jazz so grassierte, weil es von den Siebzigern bis neulich ja wirklich eine lange Zeit der Stagnation gab und die großen Momente in der Vergangenheit lagen oder sich auf sie bezogen“.
Waitaminute, auf den zweiten Satzteil kommt es an, darin die Wertung
Stagnation im Jazz von den Siebzigern bis neulich“.
Je nachdem, wie man dieses temporale „irjenswie“ misst (wir datieren „neulich“ mal auf 2015), ergäbe dies eine Zeitspanne von 35 bis 45 Jahren.
Vulgo, so viele Jahre soll die Jazzmusik stagniert haben.
Wenn wir unsere kleine Welt nun global absuchen, und zwar intensivst absuchen -
wie viele verpeilte Köpfe fänden wir, die diesen Gedankenblitz abnicken?

erstellt: 09.11.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten