Herbie Hancock, 79, im Großfeuilleton! (FAS, 10.11.19)
Erst werden 1752 Seiten Jürgen Habermas rezensiert („Auch eine Geschichte der Philosophie“), wenige Seiten später ein Interview mit Onkel Herbie.
Die Fallhöhe könnte kaum größer sein.
Dabei geht es der Interviewer gar nicht so übel an, er spielt auf die vom „Jazz-Lehrbuch“ abweichenden Verläufe in Hancocks Soli an und fragt:
„Wie tut man denn das Richtige im Jazz?“
Die Antwort: der übliche Jazz-Standard. Man solle „nicht zuviel nachdenken“, die Musik solle „mehr aus meinem Gefühl kommen als aus meinem Kopf“, gute Musik komme „nur aus dem Leben“. Auch die alte Jarrett-Phrase vom „nackt vor den Zuhörer“-Treten ist im Angebot.
Steilvorlage: man müsse die Musik jedes Mal neu erfinden.

Treffer: „Jedes Mal, genauso ist es.“
Recht originell der Verweis auf Hancocks „Norton Lecures“ an der Harvard University - die dort geforderte „Ethik des Jazz“.
Next Floskel please. Jazz-Ethik - natürlich - „sehr wichtig“. Auf alle Beteiligten eingehen, sie so lassen, wie sie sind. Und, allen muss man gut zuhören.
Jetzt Onkel Herbies Clou: „Und egal, wer was spielt, sollte man immer nur eins im Sinn behalten: Wie kann ich das, was ich spielen will, in den Fluß der Musik einbauen?“
Dazu könne auch mal Nichtstun passen.
Aber dann doch: „…dafür sorgen, dass alles zusammenpasst. Wie kann ich das integrieren in alles, was vorher war - das muss ein Jazzmusiker sich immer fragen.“
Im Lehrbuch, ja. Nicht alle beherzigen das auch auf der Bühne. (Und nur wenige sprechen darüber.)
Moment, da ist doch - zunächst als Verb - ein klassisches Stichwort der Jazz-Ideologie gefallen. Der Interviewer schnappt es auf: „Integration also. Das ist ja schon ein Modell für die Gesellschaft überhaupt?“
HH: „Unbedingt. Ich bin Buddhist…“
Unterbrochen durch eine Frage nach der von ihm bevorzugten veganen Kost zieht Herbie folgende Verbindung: „Es gibt in dem Buddhismus, dem ich anhänge, überhaupt keine Regeln. Die Anworten, die Sie für Ihr Leben suchen, liegen in diesem Leben.“ Ach so.
What´s next? Unvermeidbar: Technologie. Herbie zählt auf, was er alle so hat, „…und ganz viel von Korg“.
Unbedingt noch: die neue Platte. „Seit zehn Jahren“ arbeitet er daran, die Woche vor dem Interview hat er „fünf Tage lang aufgenommen“, u.a. mit einem siebzehnjährigen Produzenten.
„Und ich verspreche, dieses Jahr kommt endlich das erste Stück davon raus.“
Jürgen Habermas, 90, war mit seinen 1752 Seiten wahrscheinlich schneller.

erstellt: 10.11.19
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