Nicht immer liegt die Jazzkritik in Händen von Jazzkritikern.
Das hat ihr manchmal gut getan; wir denken da an den milden Sarkasmus, den der Jazzgitarrist Volker Kriegel (1943-2003) in seinen Texten aufscheinen ließ.
Wir durften von ihm lernen.

In Erinnerung sind andererseits Jazzmusiker, in einem bestimmten Zeitraum an den Mikrofonen des WDR-Hörfunks, denen vor lauter Ehrfurcht im ungewohnten Medium die Knie so weich wurden, dass sie vergassen, das auszupacken, was wir, was das Publikum immer in ihrem Gepäck sicher verstaut vermuteten: ihr Sachwissen.
Kurzum und sehr verkürzt: Jazzkritiker urteilen subjektiv, mitunter in einem Ausmaß, dass man ihre nicht vorhandene Lizenz einziehen möchte.
(Jazz)Musikern in der Rolle als Jazzkritiker hingegen ist schrankenlose Subjektivität nicht nur erlaubt, sie wird von ihnen erwartet, sie ist geradezu Vorausetzung für ihr Urteilen.
Ein typisches Exerzierfeld dafür war (und ist) das Feuilleton der Zeit.
Michael Naura (1934-2017), ein wunderbarer Zwitter (heute muss man wohl sagen: ein Hybrid) zwischen Redakteur und Jazzpianist, durfte dort bekennen, er habe bei einem Konzert von Keith Jarrett in Reihe X nicht einfach nur gesessen, sondern er sei dort „niedergekniet“.
Das ging in Ordnung so. Naura beschränkte seine Begeisterung auf eine gezielte Metapher und nutzte die Energie seines Überschwanges dazu mitzueilen, was er an jenem Abend in München zu hören bekam. Davon durften wir lernen.
Möglicherweise war er sogar „vor Glück schwindelig“. Aber - so mutmaßen wir munter - er hätte gezögert, das so aufs Papier zu bringen, es wäre ihm zu äffisch erschienen.
Und schon gar nicht - da sind wir nun sicher - hätte er vieles vor Jarrett für „tot“ erklärt.
„Jazz ist tot“, von Naura in der Zeit geschrieben, da wäre er als nächstes für ein Trennungsgespräch zum NDR-Intendanten zitiert worden.
Genau das schreibt aber jetzt Malakoff Kowalski in der Zeit (Nr. 30/2020)
„Jazz ist tot.“

„Ich zähle zu denen, für die Jazz ab den frühen Siebzigerjahren aufgehört hat zu existieren.“
Man stelle sich vor, im selben Feuilleton der Zeit behauptete ein Schriftsteller, der über das Buch einer Schrifstellerin zu urteilen hat, die Literatur habe für ihn nach Günther Grass´ „Blechtrommel“ aufgehört zu existieren.
Einen solchen Satz hätten wir nie zu lesen bekommen. In früheren Zeiten (das Bild ist einfach zu schön) hätte schon der Pförtner im Hamburger Pressehaus einen Autor mit einem solchen Manuskript in der Aktentasche abgefangen.
Ein solcher Satz, nun angewandt auf den Jazz, markiert die Wertbasis einer Hymne von Malakoff Kowalski, 41, auf Johanna Summer, 25.
Der Name des Preisenden klingt, als käme jener aus Schalke. Es ist ein Pseudonym für den in Boston geborenen Aram Pirmoradi, Pianist, Komponist, Theatermusiker und einiges mehr; er hat in der Tat viel erreicht, und sein Wikipedia-Eintrag versinkt in Details, die einen schwindelig machen.
Johanna Summer C ACT Gregor Hohenberg teaser 700x

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johanna Summer ist für Kowalski das, was einst Jarrett für Naura war (von Jarrett hält Kowalski wenig, kennt aber offenkundig auch wenig von ihm).
Johanna Summer hat in Dresden „ein Jazzstudium“ absolviert (wir erfahren nicht bei wem und was genau), und es mag sein, dass ihr „Schumann Kaleidoskop“ wirklich großartig ist (wir kennen es noch nicht).
Kowalski lässt durchblicken, dass er sich in großen Bereichen der klassisch-romantischen Literatur auskennt und weiß sie in Beziehung zu setzen zu Johanna Summer.
Aber was er Jarrett vorhält („betört von sich selbst“), trifft auf ihn ebenso zu: er ist so betört von seinem Hören, dass es ihm die Sprache verschlägt.
Dass ihm „schwindelig wird vor Glück“ - gekauft. Musik ist und bleibt ein Mysterium, dem Sprache nimmer gerecht werden kann.
Aber, dass Musik ein „Innenleben“ führt. „Losgelöst von Urheber und Interpret, von Können und Wollen, von Vergangenheit und Gegenwart“, das ist nicht mal mehr Gedankenkitsch. Das ist Schwachsinn.
Und Johanna Summer schaut nicht aus, als könnte sie das als Kompliment empfinden.

erstellt: 16.07.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten