Wir alle kennen die Metapher: der Band von Miles Davis angehört zu haben, wird gerne mit dem Besuch einer Universität gleichgesetzt.
Dabei legt das Meister-Schüler-Verhältnis dort wohl eher die Vorstellung einer „Lehrzeit“ nahe, die Diskursform war so gut wie nie verbal.
Aber egal, die Uni-Metapher ist einfach zu schön, um sie fallen zu lassen.
Wie im realen Leben aber auch wird aus den Miles-Alumni Unterschiedliches.
Der Saxophonist Steve Grossman zählt zu jenen, denen der große Karrierewurf versagt blieb.
Das mag auch daran liegen, dass er lange Jahre in Bologna lebte und - wie National Public Radio in einem Nachruf etwas windschief formuiert - „am Jazz-Firmament etwas an Boden (verlor), sein Ruf unter den Saxophonisten hingegen eisern blieb“.
Steve GrossmanZum Beispiel bei Dave Liebman.
Er hält ihn für „einen unserer besten“.
Am Insider-Status änderte sich auch wenig, als Grossman 2009 in die USA zurückkehrte, weder gab es Comeback-Album noch -Show oder spektakuläres Konzert.
Doch genau dies war sein Einstand bei Miles.
April 1970, Fillmore West in San Francisco, ein 18jähriger aus Brooklyn als Nachfolger von Wayne Shorter!
(Wer sich die Dokumente von damals erneut anhört, April 1970 („Black Beauty“), Juni 1970 („Miles Davis at Fillmore“), dem stehen sogleich wieder die Haare zu Berge: Herrschaften, was war da los!
Die selbsternannten Heilande von heute, die Kamasis, die „Beat Wissenschaftler“, sie müssten drei Tage bei Wasser & Brot diese Töne hören, gerne auch als long loop).
Steve Grossman dringt mit einem Coltranesken, näselnden, fast Oboen-haften Sopransaxophon durch.
Live, vor Ort muss das so deutllich nicht zu hören gewesen sein, wie Dave Liebman, sein Nachfolger sich erinnert.
Sein positives Urteil bezieht er 2012 ausdrücklich auf dessen Miles-Zeit.
In seiner „Autobiografie“ verliert Miles so gut wie kein Wort über Grossman.
Danach verbringt er fünf Jahre bei Elvin Jones, wo er auch das Tenor herausstellt und parallel dazu seine möglicherweise glücklichste Zeit bei Stone Alliance, mit den nicht mehr nur lokalen Kumpels Gene Perla, b, und Don Alias, dr, sowie Jan Hammer, keyb.
Unter eigenem Namen veröffentlicht er mehr als zwei Dutzend Alben, überwiegend im Sektor Postbop, nichts mehr im Sektor Fusion oder gar FreeJazz (wie bei Miles), begleitet mitunter von Cedar Walton und McCoy Tyner.
Steve Grossman, geboren am 18. Januar 1951 in Brooklyan, starb - wie erst jetzt bekannt wurde - am 13. August in einem Krankenhaus in Glen Cove/New York an Herzversagen nach einer langen Krankheit.
Er wurde 69 Jahre alt.

erstellt: 19.08.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten
Foto: Marius Fiskum, 2004