Dell-Lillinger-Westergaard, DLW, repräsentieren die Spitze des europäischen Post FreeJazz.
Tamara Stefanovich hat außer mit den Berliner Philharmonikern mit fast allen führenden Orchestern gearbeitet, als Pianistin ist sie discografisch von Bach bis Boulez vertreten.
Am 25. September 2020 trifft sie in der Philharmonie Köln auf DLW:
DLWS - eine Premiere.
Das Programmheft der Philharmonie Köln kann also naturgemäß wenig wissen von dem, was sich akustisch wirklich tun wird. Es versinkt vorsichtshalber in Klischees:
„Wie soll das funktionieren, festes Notengebirge versus Improvisation?“
Ja, wie soll das funktionieren, wenn an diesem Abend daraus ein Wolkenkuckucksheim entstehen soll:
„Beide Seiten (…) loten die Grenzen zwischen komponierter Kunstmusik und zeitgenössischer Improvisation aus und schließen somit endlich eine Lücke, die sich zwischen den beiden divergierenden Szenen im vergangenen halben Jahrhundert gebildet hat.“
Lillinger Phil 1Was auch immer die vier vorhatten, das kann es - glücklicherweise - nicht gewesen sein. Ebensowenig haben „beide Antipoden“ dabei „ihre Komfortzonen verlassen“.
Denn nach allem, was die Klänge an diesem Abend an Erkenntnissen freigaben (und das war eine Menge), blieb die „Lücke“ anangetastet und tut weiterhin ihre guten Dienste.
Lediglich Frau Stefanovich hat ihre Komfortzone verlassen.
Das war mutig.
Sie begab sich an Bord von DLW - und machte dort eine ausgesprochen gute Figur.
DLW taten das, worin sie erfahren sind; sie setzen von jetzt auf gleich einen irrisierenden, sich überstürzenden Klangball in Bewegung, der erst nach 25 Minuten ein wenig Tempo verliert - und kurz darauf genau so forteilt (nach 35 Minuten verlassen die ersten Zuhörer den Raum, es folgen etliche; sie sind dem Druck der Ereignisse nicht gewachsen.)
Wer auf der Bühne mithalten will, kann Bach-Läufe und adagio-Stimmungen vergessen, er (in diesem Falle: sie) muss staccato, Kurzmotive, Cluster und ständig Repetitionen bereithalten.
Die vier Instrumente sind auf der Bühne eng aneinandergerückt, die Blickachsen so, dass Christopher Dell in den Mittelpunkt rückt. Er entpuppt sich mehr und mehr als der spiritus rector des Geschehens, er strukturiert mit minimalen akustischen und optischen Gesten.
Apropos Repetitionen: diese Musik hebt sich vom alten FreeJazz durch ihre suggestiven Wiederholungen ab; es ist Dell, der ihr oft mit 4- und 6-Ton-Figuren eine eminente Körperlichkeit verleiht.
Die große Visualität von Christian Lillinger ist bekannt (auch in Köln holt er mit großer Geste zu Schlägen aus, die er dann gar nicht ausführt), aber Dell steht ihm an diesem Abend in nichts nach.
Das Auge ist wie immer zu träge, um den Bewegungen seiner vier Schlegel am Vibraphon zu folgen, es liegt ein Schleier verwischter Bewegungen über dem Instrument.
Und Dell?
Manchmal tritt er einen halben Meter zurück, pausiert (ein Zeichen für Tamara Stefanovich), dehnt und streckt sich wie Monsieur Hulot und erlaubt dem Instrument huldvoll einen Ton. Dann wieder tanzt er in heftigen Bewegungen, weil er gar nicht aushalten kann den Sturm, den seine oberen Extremitäten sowie seine MitstreiterInnen da entfachen.
Dem Bild, das hier naheliegt, nämlich die Freie Improvisation als „Konversation“ auszugeben, hat David Toop, einer der erfahrensten auf dem Sektor, jüngst widersprochen: Frage und Antwort, Rede und Widerrede erscheinen nicht nacheinander wie im Gespräch, sondern alle auf einmal! Wie hier in der Kölner Philharmonie.
Vermutlich würde er auch der Überlegung, diese Begegnung als Thirdstream zu definieren, widersprechen. Dafür war die Mischmenge der Gattungen zu gering, die vier Beteiligten bewegten sich auf dem Feld der Freien Improvisation, auf dem Beet des Post FreeJazz, das Dell-Lillinger-Westegaard so imponierend düngen.
Die zusätzliche Bepflanzung passte gut. Ob sie mit Genre-verwandteren Kräften (sagen wir Kaja Draksler oder Kris Davis) völlig anders gewirkt hätte, bleibt fraglich.
Das Risiko auf seiten der „Klassikerin“ war zweifelsohne größer. Dass das Experiment gelungen war, konnte man auch an der Mimik der Beteiligten des öfteren ablesen.
Sie blieben auch heiter, als Tamara Stefanovich in der Zugabe den - sehr spontanen - Schluß um die Länge eines Tones verpasste.
Von Bach bis Boulez wäre das ein Fehler gewesen. Hier nicht.
That´s live.
That´s Improvisation.

erstellt: 26.09.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten