In einer Zeit, da uns das Großfeuilleton Bugge Wesseltoft als „Retter des Jazz“ andrehen will, ist es vielleicht keine schlechte Idee, sich mal in dessen Nachbarschaft umzuhören.
Zum Beispiel in Skien, keine 10 km nördlich von Porsgrunn, wo Wesseltoft geboren wurde. Skien, Hauptstadt der süd-norwegischen Provinz Telemark, das ist ein Nest!
Henrik Ibsen kommt von dort, und jazzseitig Audun Kleive, sein Bruder Iver, Eyolf Dale, Wetle Holte sowie André Roligheten und Gard Nilssen.
Nimmt man ein Boot von dort, erreicht man in vier Stunden süd-östlicher Fahrt über das Skagerak den Bassisten Petter Eldh, zumindest seinen Geburtsort Göteborg in Schweden.
Roligheten und Eldh und Nilssen, Gard Nilssen´s Acoustic Unity, kämen sich wohl verarscht vor, wenn man sie fragte, ob das, was sie machen, irjenswie zu retten notwendig wäre.
Insbesondere der auch verbal schlagfertige Drummer Nilssen sieht sich gewiss nicht als Teil eines Problems, sondern als Teil der Lösung.
Schlagzeug-ästhetisch lautet sie in seinem Falle, wie man drum-Melodiker wie Joey Baron und Ari Hoenig auf eine Free-Fahrt nimmt, in der time und Puls ständig changieren.
Und dies gerne uptempo.
Selten hat man einen Drummer erlebt, der so ausgiebig in hohem Tempo Druck macht und dann auch noch klar unterscheidbare patterns schlägt.
Das brennt wie Zunder. Und der Bassist Eldh, dessen Aktivitäten zu protokollieren man kaum noch mitkommt, greift hier dermaßen in die Saiten, dass man deren Schwingen auf dem Lineal abtragen kann.
Was hat der Mann für eine power, und er fliegt nicht mal aus der Intonation.
Eldh hat einen Baßverstärker hinter sich, ansonsten: kein Mikrofon!
Gard Nilssen 1 1
Nicht mal ein Mikrofon für das Sopran- und das Tenorsaxophon von André Roligheten.
Manchmal spielt er sie gleichzeitig wie weiland Dick Heckstall-Smith bei Colosseum (und vor ihm Roland Kirk), aber nicht wie eine Zirkusnummer.
Obwohl, die Interaktion entbehrt nicht einer gewissen Artistik. In den liner notes der fabelhaften Triple-CD „Live in Europe“ nennt Nilssen diesen Parameter als den „Fokus“ der Musik.
Stimmt, die Stücke sind „relativ simpel“, sie sind nicht mehr als „kleine Rahmen, durch die wir ein- und ausgehen“.
Die „Jagd“-Themen von Ornette Coleman kann man darin erkennen (aber nicht in dessen Durchführung!), Coltrane und Ayler, überhaupt nichts „Nordisches“, und immer wieder Hören: Mitziehen: Vorwegnehmen: Nachfolgen.
Wer vor Kamasi Washington auf die Knie geht, der dürfte hier - um im Bild zu bleiben - gar nie mehr auf die Beine kommen vor Staunen, wie Partikel aus der Jazzhistorie mit neueren Gewürzen zu einem Post FreeJazz verkocht werden.
Dass der Jazz im 21. Jahrhundert ankommen solle, diese dumm-dreiste Forderung auch des Großfeuilletons, wird seit drei Jahren von diesen Kräften aus dem Skagerak eingelöst. Wenn man ihnen dies übersetzte, würden sie vor Lachen nicht in den Schlaf kommen.

erstellt: 28.11.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten