Bruchpilot*innen

Es besteht nur geringe Gefahr, dass eine Broschüre mit dem Titel „Jazz pilot* innen“ als Beitrag zur Aeronautik verstanden werden könnnte.
Gleichwohl, die Deutsche Jazz Union will damit hoch hinaus.
Das Ziel, laut Untertitel „Jazzvermittlung und Demokratieförderung“, erfordert viel Aufwind. Die DJU hat dafür in der Bundeszentrale für politische Bildung einen potenten Partner (und Finanzier) gefunden.
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, gilt seit langem als jazz-affin: „Ich habe den Jazz, insbesondere die freie Improvisation, in meiner Biografie vielfach nicht nur als etwas Widerständiges, sondern auch als etwas Hochpolitisches verstanden“.
Die bpb gibt z.B. die renommierte Reihe APuZ heraus („Aus Politik und Zeitgeschichte“); gleichwohl erzielt man unter dem Stichwort „jazz“ auf deren Webseite
 nur einen Treffer (Siegfried Schmidt-Joos: „Die Stasi swingt nicht. Ein Jazzfan im Kalten Krieg“, zum Preis von 1,50 €).
„Die vorliegende Publikation zeugt von der großartigen gemeinsamen Arbeit unserer Jazzpädagog*innen und politischen Bildner*innen“, schwärmt die DJU-Vorsitzende Anette von Eichel in einem Grußwort zu den Jazzpilot*innen:
1 Seitel„Die Beiträge werfen neue Fragen auf und zeichnen gleichermaßen den vor uns liegenden Weg vor - wo wollen wir hin, und wie können wir das schaffen?“
Dem aufmerksamen Leser stellt sich zuvorderst die Frage, warum der Rechenschaftsbericht der Jazzpilot*innen zweigeteilt ausfällt, warum - um genauer zu werden - das Poltische in einem Teil fast gar nicht erwähnt wird, von „Demokratieförderung“ ganz zu schweigen.
Es sind die Mühen der Ebene, die hier eindrucksvoll beschrieben werden, zum Beispiel von der Bassistin/Instrumentalpädagogin Lisa Hoppe:
„Wir nähern uns der Musik auf institutioneller Ebene mit einer Leistungsmentalität an, welche für viele Menschen den Zugang erschwert oder sogar vergiftet“.
Auch der Pianist Burkhard Jasper kommt bei seiner Arbeit im Kulturbahnhof Drensteinfurt in Westfalen ganz ohne das P-Wort aus.
Die Saxophonistin/Dozentin Ulrike Schwarz fliegt eine rasante Kehre von anfänglicher Skepsis („Wenn alle so miteinander spielen könnten (wie im Jazz), wäre unsere Demokratie stabil. (…) Dafür „gibt es je doch leider keine ernst zu nehmenden Indizien“), sie stellt zutreffend den „Fokus Ambiguitätstoleranz“ in der Improvisation heraus - und trudelt dann doch hinab auf den Stoppelacker belegfreier Behauptungen:
„In Zeiten aktueller Krisen von Covid-19 über Klima bis hin zum russischen Krieg in der Ukraine kann man sich der Frage nach dem eigenen Beitrag nicht mehr entziehen. Insofern bin ich dankbar, dass meine Arbeit mit freier Improvisation und ihrer Vermittlung dahingehend Anknüpfungspunkte bietet“.
Welche Klanglichkeit sich einstellt, wenn Frau Schwarz diese Verknüpfungen vornimmt, bleibt leider unerwähnt.
Andere Autoren pilotieren ihre Geräte aus noch viel größerer Höhe zu Bruch.
Zum Beispiel der „Experte für Sozialraumforschung“, Prof.Dr. Michael Görtler von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg; in der Jazzforschung ist er bis dato nicht vorstellig geworden.
Er wirft aus großer Höhe ein Gedankenpäckchen herab, das in eingeweihten Kreisen Erheitung hervorrufen wird:
„Jazz ist dann politisch, wenn in der Musik das Politische (z.B. Konflikte, Prozesse, Kritik, Protest) zum Ausdruck kommt. So kann beispielsweise in Text, Melodie oder Spielweise eine politische Message transportiert werden“.
Der durch seine Promotion bei George E. Lewis an der Columbia University in NYC beglaubigte Experte Harald Kisiedu, nun tätig am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück, verblüfft seine KollegInnen reihum mit einem Knaller, der ihre Arbeit (auch die von Anette von Eichel als Dekanin der Musikhochschule Köln) völlig in den Senkel stellt.
„Im Hinblick auf die Jazzpädagogik ist der Elefant im Raum ein Jazzbegriff, für den die Distanzierung von Schwarzer Kultur konstitutiv und identitätsstiftend ist und der bewußt als von Schwarzen historischen und ästhetischen Bezügen losgelöst konstruiert wird“.
Dazu hätte die Jazzpolizei doch gerne Belege aus den 18 Curricula an deutschen Jazzhochschulen gesehen.
In der APuZ-Reihe im Hause der Bundeszentrale für politische Bildung wäre ein solcher Gedankenflug sicher sogleich gelöscht worden.*

PS: dieser Text wird demnächst hier in einem größeren Essay aufgehen.
PS* Die Jazzpolizei stellt mit Entsetzen fest: dieser Satz gilt nicht mehr (30.01.23):
       die jüngste APuZ-Ausgabe ("Jazz") sinkt stellenweise auf das Niveau der Bruchpilot*innen.
      

erstellt: 12.01.23
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