What you have missed - Cologne Jazzweek 2022

Köln am Rhein hat schon viel Jazz kommen und gehen gesehen. Und bleiben.
Das Allermeiste bringt die Domstadt nämlich aus ihren eigenen Reihen hervor. Das war nicht immer so.
Aber seit einigen Jahren drängt sich die Beobachtung auf: hier leben mehr talentierte JazzmusikerInnen pro Km2 als sonstwo in der Republik, vielleicht auch in Europa (mit dem Rückenwind des hoch-entwickelten Lokalstolzes beurteilt).
Wo sonst ließe sich mit Leichtigkeit eine „Bassmasse“ aus 19 Bassisten (darunter 1 Bassistin) bewegen, ihren gerade in den Ruhestand verabschiedeten Dozenten (Dieter Manderscheid) zu feiern; wobei gelungen ist, den renommiertesten unter ihnen, Robert Landfermann, als seinen Nachfolger an der Musikhochschule zu inthronisieren.
CJW bassmasse 1Woran es den Aktiven gleichwohl mangelte - und selbstverständlich auch ihren Zuhörern - war, trotz europaweit bekannten Kompetenzzentren wie Stadtgarten und Loft, wenn schon nicht ein gemeinsames Podium, so doch so etwas wie ein gemeinsamer Nenner, und sei es ein Slogan.
Allein schon die diffizile Dialektik aus Kollaboration und Konkurrenz zwischen obigen locations richtig „zu lesen“, erforderte ein langjähriges Hörstudium an den Quellen. (Ob wir es dem netten Tony Dudley-Evans von London Jazz News in Eile korrekt dargelegt haben, wird sich zeigen.)
Seit fünf Jahren nun gibt es ein Gremium, das sozusagen Plattform-übergreifend die Anbieter und die Aktiven vereint, weit über die Initiative Kölner Jazzhaus e.V. hinaus (die 1986 den Stadtgarten gebar) und geschlossen der Kulturpolitik gegenüber tritt: die Kölner Jazzkonferenz e.V.
Ihr stärkstes Instrument hat sie nun zum zweiten Male ausgepackt: die Cologne Jazzweek, 8 Tage mit 53 Konzerten an 14 Orten, nach der Premiere 2021 nun von allen Pandemie-Beschränkungen befreit. Das Resultat: fast alle ausverkauft, ein erstaunlich junges Publikum, viele Zuhörerinnen.
Alle Konzerte zu besuchen, ist nicht mal Janning Trumann, dem CJW-Geschäftsführer (und Posaunisten), gelungen, der immerhin viele doch noch ansagen konnte.
Mit anderen Worten: den künstlerischen Charakter dieses Festivals zu bestimmen, ist noch schwieriger als sonst.
Ganz sicher waren die vielen Einzeldarbietungen durch einen spezifischen Gedanken verbunden (in Köln ist Köln im Titel unabdingbar). Insofern zeigte sich eine neue Variante des in dieser Stadt stets leicht entflammbaren Lokalstolzes - dem freilich, im Gegensatz zu anderen Destinationen, ein touristischer Ton ziemlich fremd ist.
Die stilistische Ausdifferenzierung, erkennbar auf die diversen locations verteilt, zeigte sich doch auch in-house. Als zum Beispiel im Loft auf ein Avantgarde Trio (Reid/Niescier/Harris) nightclubbiger Mainstream-Jazz der Sängerin Annette von Eichel folgte.
Die Vielfalt der Cologne Jazzweek hat denn auch wenig mit dem sattsamen bekannten „vielen vieles Bieten“ gemein, dafür sind ihre Ambitionen zu groß.
CJW eldh drums projekt 1


Mit deren größter aber ist das Festival letztlich gescheitert.
Es war sicher eine verlockende Idee, Petter Eldh zu überreden, sein „Projekt Drums“ wenigstens in einem Ausschnitt auf die Bühne zu bringen.
Allein, die Umformatierung der Vielstimmigkeit und der Gedankensprünge dieses Meisterwerkes der Jazz-Gegenwart auf ein Bühnenformat - sie war nur um den Preis ihrer Banalisierung zu haben.
Die Performance geriet schreiend laut, sie wurde regelrecht ins Auditorium geboxt; wo Eldh nicht zur Baßgitarre griff (auf der er schon wieder eine Klasse für sich ist), sondern mit der linken ein keyboard bediente, machten sich die tiefen Frequenzen Stuhl-wackelnd bemerkbar.

Ein Lichtblick hier, auch dank der Heiterkeit, mit der sie gelungene Passagen und Einfälle quittiert, die auch an der Studioproduktion beteiligte Savannah Harris, 29, aus Oakland/CA, jetzt New York City.
Rein physiognomisch scheint sie ein wenig Terri Lyne Carrington verwandt, aber als Schlagzeugerin hat sie mehr drauf.
Harris ist von Statur, was man früher vollschlank nannte. Die Kraft, mit der sie spielt, mag sich von daher erschließen - aber nicht, wie sie sie einsetzt, nämlich in einer Bewegungsästhetik der kurzen Wege. Auch nicht der Sound, mit dem sie sich auch auf geliehenen drumsets behauptet. Mit Beiläufigkeit setzt sie ihre Ideen um, häufig antizipierend - visuell das schiere Gegenteil zu einer „weiträumigen“ Schlagzeugerin wie Eva Klesse.
CJW savannah harris 1
Savannah Harris war der „featured artist“ des Festivals, drei Mal war sie zu sehen.
Bei Petter Eldh mit eher „gebrochenen“ Funk-Patterns, in ihrem eigenen (Piano)Trio in einem überraschend gediegenen Mainstream.
Dass sie auch das „freie“ Fach beherrscht,
zeigte sie im Trio mit Angelika Niescier, as,
und Tomeka Reid, die das Cello wie immer zugleich auch in vollendeter Baß-Funktion einsetzte.
Es war heiß im Loft, auf der Bühne wie auch im Auditorium.
Und voll: manche Zuhörer standen mit dem Rücken zur Wand (für Ortskundige: im Schankraum bis zur Toilette).


Freie Improvisation, am anderen, am gleichsam „poetischen“ Ende der Fahnenstange, mit einem unglaublichen Gespür für Klangnuancen, das gleichfalls all-female-Trio Laura Totenhagen, voc, Eve Risser, p, sowie Maria Reich, v.

CJW nilssen 1Mit Gard Nilssen war ein weiterer Schlagzeuger aus „Projekt Drums Vol 1“ präsent, und gleich zweimal.
Einmal, erneut mit Petter Eldh, im Trio Acoustic Unity in einem auf Ornette Coleman und Albert Ayler, aber ganz wenig John Coltrane, zurückgreifenden Post FreeJazz.
Eindrucksvoll, wie immer, Eldh am Kontrabaß (erkennbar auch, besonders in hohen Tempi, was er von dort auf die Baßgitarre übertragen hat). Und, wie früher schon, der fabelhafte Saxophonist und Klarinettist André Roligheten.
Viel länger noch als mit diesen beiden aus dem Skagerak, nämlich zwei Jahrzehnte, spielt Nilssen mit Even Hermansen, g, (aus der Musikerhochburg Skien) und Rune Nergaard, bg, genannt Bushman´s Revenge.
Von Afrikanismen freilich keine Spur, dafür Blues-Rock mit modalen Auslaufflächen, wie sie freilich - die Älteren werden sich erinnern - vor 25 Jahren schon ein anderer Skandinavier, nämlich Jonas Hellborg, in New York noch mehr hat brennen lassen, zusammen mit dem Gitarristen Shawn Lane (1963-2003) und Jeff Sipe, dr.
CJW deadeye 1Ja, das „Jaki“, der nach Jaki Liebezeit (1938-2017) benannte Club im Souterrain des Stadtgarten, es brannte bei den nordischen Buschmännern.
Es brannte erneut, nachdem Deadeye tags zuvor an eine Neuformulierung eines traditionellen Formates sich gemacht hatten, das Orgel-Trio.
Deadeye, nach Enemy hat man sich abgewöhnt, nach der Bedeutung von Bandnamen unter Beteiligung von Kit Downes zu fragen.
Gerade ist das Debüt-Album dieses Trios erschienen, und alle Jaki-Besucher, die zugleich Käufer sind, dürften den dynamische Abstand zwischen beiden Ereignissen schmerzlich erfahren haben.
Wo das Studioalbum in rubato-Flächen versinkt, herrscht hier eine rauhe, eine zupackende Ansprache. Die gute, alte Hammond B3, sie raucht, sie faucht, wenig im Sinne von Jimmy Smith, eher im Stile von Larry Young.
Und sie findet im Schlagzeug von Jonas Burgwinkel und in der Gitarre von Reinier Baas kongenialen Gegendruck.
Schließlich, die inzwischen allfällige Neue Musik-Abteilung bei einem Jazzfestival; Musik mithin, die man eher in Witten oder Donaueschingen verorten würde (versehen mit der Frage, wie sie dort wohl bewertet werden würde).
Bei der Cologne Jazzweek war dies das Anthony Braxton Lorraine Trio im WDR Sendesaal.
Die Jazzpolizei hat auf ihrem Kurs zwischen den locations nun einen Teil mitbekommen. Jedenfalls spielt Braxton fünf Töne auf dem Altsaxofon, wechselt dann das Notenblatt, der Akkordeonist Adam Matlock stöhnt a bisserl was, die Trompeterin Susana Santos Silva spielt sehr konzentriert, auch sie vom Blatt.
Während hier noch Partikel von Jazztongebung erklingen, fehlen sie bei Christopher Dell gänzlich.
CJW dell 1Mehr als jeder Besucher im Loft weiß der virtuose Vibraphonist, dass das Motto seiner Performance („Das arbeitende Konzert“) mehrfach um die Ecke gedacht und begrifflich eine Unmöglichkeit ist.
Was er zur Erklärung des Mottos anführte, z.B. dass man bei einem Konzert alte Freunde treffen könne, gilt auch für die 130.000 bei Helene Fischer in München.
Dass die Mitglieder seines Sextetts, sowohl aus dem Jazz als auch der Neuen Musik kommend, mit notiertem Material aus „Formblöcken“ improvisatorisch umgehen dürfen, macht in summa noch keinen Jazz. (In einer frühen CD-Fassung des Werkes von 2018 sind immerhin stellenweise noch Beat & Puls zu erkennen).
Für ein weiteres Stück, zugeschnitten auf die Harfe von Kathrin Pechlof, tauschte Dell die Schlegel gegen einen Dirigentenstab.
Die Interpreten folgten Note für Note.
Das Loft hat so etwas des öfteren gesehen. Aber eine Cologne Jazzweek?
Fotos: Gerhard Richter (Harris, Nilssen, Deadeye, Dell)
erstellt: 21.08.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten