cologne jazzweek 2026 (I)

Peter Evans und Evan Parker - eine traumhafte Kombination für Coverdesigner und Scrabblespieler - ein sprach-formaler matching-Faktor von fast fünfzig Prozent.
Aber, was bedeutete dieser Wert in der Musik, in der Frei Improvisierten Musik?
Fifty-fifty, auf welcher Skala?
Wie man´s auch dreht und wendet - es ergibt keinen Sinn.
Und wenn man schlussendlich doch wieder bei dem berüchtigt-wolkigen Signal von der „Haltung“ landet (aber bitte, bitte, nur in der Haltung zum musikalischen Material!) , dann wären fünfzig Prozent in diesem Idiom nicht gerade viel.
Evan Parker, Jahrgang 1944, und Peter Evans, Jahrgang 1981 (sie könnten Vater & Sohn sein), auf der Bühne erreichen hundert Prozent!
Und dies trotz & dank ihrer divergierenden Spielpraktiken.
Die mögen sich zum Teil schon aus den Vorgaben ihrer Instrumente ergeben - die die beiden dadurch zu überwinden suchen, als sie jeweils auch Zirkularatmung einsetzen.
Parker am Sopransaxofon, bekannt durch seine langen Tonketten (die an diesem Abend mitunter auch leicht folkloristische Färbungen annehmen) und Evans mit einer Vielzahl von Techniken, die ein Klangspektrum beschreiben, das man von vielen anderen Trompetern nicht kennt.
Allein die tonlosen Luftgeräusche, gehaucht, gestossen, spratzend, nehmen ein eigenes Kapitel ein, dazu Rhythmen durch Klappengeräusche oder den kleinen Finger der linken Hand, von der Intonationssicherheit sowie der gezielten Abweichung davon ganz zu schweigen.
Rein quantitativ und isoliert betrachtet verfügt Evans über das größere Arsenal an Spieltechniken.
Aber, aber, dies ist ein Duo, ein Kommunikationsprojekt; wenn auch nicht eine Premiere (was das Haus, das Loft in Köln-Ehrenfeld, noch mehr ins Frohlocken gebracht hätte): die beiden haben in dieser Formation schon drei, vier Mal gespielt.
Ihnen zuzuhören ist keine leichte Kunst. Man muss aushalten (und eben auch genießen können), dass der jeweils nächste Abschnitt offen ist. Dass die beiden in strukturellen Schnittmengen nicht lange verweilen, nichts auskosten (was die Jazzpolizei hier & da sich gewünscht hätte. Man sah Köpfe im Publikum, die sich leicht, sehr leicht bewegten, als folgten sie einem beat. Wo kein beat war. Es war eine sich äußerlich manifestierende Art des Verstehens).
Dass Evan & Evans attaca und synchron um ein F herum anfingen, dürfte verabredet gewesen sein,  die einzige Verabredung. The rest was improvisation - auf dem sicheren Grund ihrer beider kurzen Erfahrung miteinander und der langjährigen, Jahrzehnte umfassenden mit anderen. Wo man ebenso sicher erspürt, wo man initiativ wird (Peter Evans häufiger) und wo man sich zurückhält, bis zum vorübergehenden Schweigen.
Dass sie ihren dreissigminütigen set, von rauschendem Beifall getragen (noch dazu nach dem Kreislaufkollaps einer Besucherin), um einen weiteren, kurzen set verlängerten, war - allein des physischen Aufwandes wegen - überraschend.
Das hätte in die Hose gehen können - die beiden trafen erneut das Momentum!
Kurze Umbaupause.
Dann - wie bei vielen Festivals, insbe-
sondere bei der cologne jazzweek - der absolute Kontrast: noch ein Duo. 
In puncto Spiel- und Klangästhetik aber das andere Ende der Fahnenstange.
Das hätte spannend werden können: nach einer Ästhetik des kaum „Vorhersehbaren“ nun das schiere Gegenteil: Beginn mit minimal patterns a la Philip Glass.
Zumal dargeboten auf einem Instrument, für das Glass nur einmal geschrieben hat (1967), das gelegentlich für Inter-
pretationen seiner Stücke verwendet wird, so wie hier in abgewandelter Weise von Tizia Zimmermann auf dem Knopfakkordeon.
Das hat was, das bekommt einen zusätzlich punch durch die elektronischen Begleitpatterns ihres in Berlin lebenden Schweizer Landmannes Pablo Lienhard.
Im nächsten Abschnitt ihrer quasi in Kapiteln organisierten Musik spielt sie Clusterakkorde, die er in „Schönklang“ rahmt, indem er auf einem Mini-Keyboard in einfachen tonalen Schritten auf satte Bässe bis hinunter auf 330 Hertz hinabsteigt (wie unser pitchchecker anzeigt). Dazu breakbeats der simpleren Sorte und ein elektronisches Klangbild, das - man muss es immer wieder beklagen - wie üblich heute ein erstaunlich eingegrenztes ist. 
Der Jazzpolizei wurde es des Vorausahnens zuviel, sie begab sich in den Stadtgarten zum neuen Trio von Roger Kintopf (dazu später in diesem Theater…pardon blog).

PS: Die Jazzpolizei konnte die cologne jazzweek erst ab Tag Zwei besuchen. Sie war, wie auch schon tags zuvor bei „40 Jahre Stadtgarten“, verhindert; gut begründet durch eine Tagung von Radio Jazz Research in Lübeck.
(mehr dazu demnächst auf michael-ruesenberg.de)

erstellt: 07.09.26
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