What you have missed: Felix Hauptmann Trio, Stadtgarten, Köln

Das schöne, das beliebte Wort von der Narration oder dem Narrativ, es ist ein semantischer Bastard.
Ob Musik überhaupt irgendetwas „erzählen“ kann, und wenn ja: unter welchen Bedingungen, das ist höchst fraglich. Frédéric Döhl und Daniel Martin Feige haben dazu einen erhellenden Band herausgegeben („Musik und Narration“, 2015; darin: „Die Rede von ´erzählender Musik´ ist (…) in einem streng begrifflichen Sinne sachlich falsch“, Georg Mohr).
Aber, „Storytelling wird zu einer unter Jazz-Musikern allgemeinen Kurzformel für ein gutes Solo“; diese kleine begriffliche Krücke, die der Musikphilosoph aus Bremen dem Genre zutreffend zubilligt, wird auch von Jazzkritikern gerne eingesetzt.
Sie bietet eine schöne Verlegenheitslösung, dem eigentlich Unbeschreibbaren doch noch einen Dreh zu geben, auf dass zumindest die individuellen Eigenheiten von SolistInnen sich von denen anderer unterscheiden lassen. Am besten immer in dicken gedanklichen Anführungszeichen.
Nun kommt die Jazzpolizei aber gerade von einem Konzert mit guten Soli en masse:
Trotzdem kam sie - während diese Soli faszinierten - nicht auf die Idee, gerade etwas irjenswie Narratives zu empfangen. Das sie vielleicht obendrein noch zu einem erzählerischen Duktus hätte animieren können.
Und, es war ein gutes, es war ein sehr gutes Konzert.
Im Gegenteil, die Abwesenheit von Narration, wurde gewissermaßen im „Subtext des Hörens“ ausdrücklich begrüßt; zumal bei einer Band, unter deren Stücken sich eines mit dem dazu überaus trefflichen Titel befindet, „the bay is a continuum and change“.
Es stammt aus „Percussion II“ (2021), jetzt wurde im Stadtgarten Köln das Album „Percussion III“ vorgestellt. In der Schweiz (das Album erscheint bei Unit Records in Willisau/CH) heisst ein solcher Konzertanlass „CD-Taufe“ (eine Steilvorlage für ein Narrativ im Zeitalter des Streaming!).
band 26mai percussion web 4 foto gerhard richterDie Jazzpolizei hatte das Felix Hauptmann Trio zuletzt als Begleiter in einem astreinen Jazzrock-Kontext erlebt und in eigener Sache im Sommer 2024 im „Schwere Reiter“ (sic!), einem vorzüglichen Konzertsaal in München.
Das Trio agiert jetzt, im sechsten Jahr seiner Existenz, weitaus expressiver.
Mit „The bay…“ kehrte es nach der Pause zurück auf die Bühne. Zu Beginn lauter stop times (Pausen einzelner Stimmen), tremolierende Töne vom Piano, dann eine zunehmende Verkettung der Stimmen, unter anwachsender Dynamik.
berger 26mai percussion web 2 foto gerhard richterEs verdeutlicht sich hier ein Eindruck aus dem ersten Konzertteil (ablesbar auch am Lächeln des Bandleaders über gelungene Momente) über die Ursache: es ist der Schlagzeuger Leif Berger.
Die Rollen der drei (auch die des Bassisten Roger Kintopf) sind ohnehin nicht auf Solist/Begleiter angelegt, aber Berger nimmt sich was raus, er wagt was.
Obwohl er (fast) gar nichts mit ihm teilt, kommt man bei der Beschreibung von Bergers Rolle nicht ohne Vergleich zu Tony Williams bei Miles Davis aus. Aus berufenem Munde war dort von „drum concertos“ im Hintergrund die Rede, gipfelnd in der anekdotischen Evidenz von Drummer-Kollege Dennis Chambers: „The band should have been titled The Tony Williams Band featuring Miles Davis“.
Das ist - wie alle Vergleiche - schief, aber doch eine schöne Hör- & Beschreibungshilfe.
Und was Berger macht (Achtung, Achtung noch ein Vergleich, keine Identitätsbehauptung): oft spielt er patterns, Wiederholungsformen, nicht so durchgängig und schon gar nicht so klingend wie die von … Ronald Shannon Jackson (1940-2013).
Immerhin befinden wir uns hier in einer seiner eigenen Art des Post FreeJazz, “continuum and change“ (s.o.) zeichnen hier ganz andere Verläufe. Was komponiert, was improvisiert ist, ist kaum auseinanderzuhalten - und auch wurscht. Der schiere Verlauf fasziniert.
Dass der Bandleader seinen Kollegen dankt für die viele Zeit, die auch sie innerhalb von sechs Jahren in dieses Trio investiert haben, es ist kein fishing for compliments, sondern auch dies für die Zuhörer eine Hörhilfe. Es ergeben sich daraus Erklärungen für - scheinbar plötzliche - Passagen der Synchronität, thematische Intermezzi und Abschlüsse aus scheinbar völlig freien Passagen. Diese können nur aus langer gemeinsamer Erfahrung erwachsen.
Ein solches Trio kann es sich leisten, das Konzert mit einer Ballade zu beschließen (um einen einzelnen Ton herum gruppiert) - weil es weiß, dass die Zuhörer es sowieso zurück auf die Bühne applaudieren werden.
Es hätten bei einem Trio dieses Status´ mehr sein können.

Fotos: Gerhard Richter
erstellt: 22.05.26
©Michael Rüsenberg, 2026. Alle Rechte vorbehalten