What you have missed: Shannon Barnett Quartet

Ein Jazz-Abend. Ein Abend mit kleinem Besteck: keine Mikrofone, keine handys, kein Mitschnitt, nur der Bassist verstärkt sein Instrument.
Ein Abend, wie er hundertfach pro Jahr in diesem Lande stattfindet.
Ein Abend, an dem Jazz gespielt wird; Jazz, der in sich ruht, ohne stilistisches Andocken an andere Genres, es werden keine „Grenzen überschritten“.
Außermusikalische Fragen nach Diversität, Haltung, Freiheit werden nicht gestellt, nicht mal ein Hauch der hippen Zuckerwatte auf events wie z.B. der Jazz-Gala zum Deutschen Jazzpreis wird dargeboten.
Dieser Jazz hätte dort keine Chance, obwohl diese Musiker den meisten dort überlegen sind. Ach ja, es ist ein Quartett unter Leitung einer australischen Musikerin, die es 2014 nach Köln gezogen hat. Mehr Aufregung ist nicht.
Das Quartett ist fast so alt wie ihr Aufenthalt in der Domstadt. Und wie sehr sich Shannon Barnett hier - auch sprachlich - etabliert hat, mag man daran erkennen, dass sie die Kölner Station der kleinen Tournee, und nur diese, überschrieben hat mit
11 Jahre Shannon Barnett Quartet“.
Selbst die Betreiber des Loft erkannten nicht sogleich die Anspielung auf die magische Zahl dieser Stadt: 11. 

11? Ja doch: 11.11. 11 Uhr 11, Beginn der „Session“ (um Gottes Willen nicht englisch aussprechen).
Der Kölner an sich ist normalerweise sofort hingerissen, wenn er von „Immis“ derart wachgeküsst wird. Und die Musik tat ein Übriges, in ihrer Leichtigkeit, ja Beläufigkeit zündete sie einen stillen, einen inneren Humor, der sich Luft verschafft über Applaus, Anerkennung für Gelungenes.

Loft Shannon Barnett Quartet   1

Der Einstieg „Speaking in Tongues“, ein Stück aus dem ersten (von drei) Alben der Band; ein verkettetes Thema über Marschrhythmus, entfernt verwandt dem, was der Instrumentalkollege Nils Wogram mit seinem Quartett Root 70 macht.
Und verkettet sind hier auch die Linien von Posaune und Tenorsaxofon (Stefan Karl Schmid), oft unisono, oft in leichten Distanzen bis zum Umspielen.
Irgendwann geht der Marsch in einen 4/4 walking bass über, in federnder Leichtigkeit (der Bassist Ira Coleman würde hier von „feathern“ sprechen).
Nach dem eindrücklichen, requiemartigen „Bad Lover“ (Titelstück des zweiten Albums, 2022), ein neues Stück „Fail without“, aus dem kommenden, dem vierten Album.
Das Thema: wiederum in einem munteren staccato, aber rhythmisch mit offenerer time, hier findet der Begriff Postbop seine größte Berechtigung. Es wechseln die Grooves mit Lust & Leichtigkeit, Fabian Arends, dr, steigt kurzzeitig in andere Muster, in enger Korrespondenz mit David Helm, b.
Es ist die helle Freude, dieses reaktionsschnelle Agieren mitzuerleben. Die Verzahnung mit der frontline: Shannon Barnett, mit schlankem Ton, ohne Geräuschhaftes; Stefan Karl Schmid: die Weimar Jazz Database würde ihn unter den Lines-Spielern führen, also lange Linien, wenig Wiederholung.
(Er wird in Kürze mit seinem Quartett ein von Hindemith inspiriertes Album vorlegen).
Loft Shannon Barnett Kuchen   1Zwei, drei andere neue Stücke an diesem Abend bestätigen dieses, man möchte fast sagen: Suiten-artige Konzept.
Darunter eines, das einer längeren, unterhaltsamen Anforderung bedurfte:
Am Hbf Berlin wird Barnett von einem Fremden nach dem Weg gefragt, Nollendorfplatz. Sie ist in der Hauptstadt nicht kundig, sucht im handy. Der Fremde weist auf ihren Instrumentenkoffer, stellt sich selbst auch als Musiker vor, er ist Pianist. Und fragt sie noch ihrem Lieblingsakkord. Schulterzucken.
Da schnellt der Fremde mit seinem Favoriten hervor: ein erweiterter Amoll-6-Akkord.
Das nun folgende Stück basiert auf diesem Akkord. Wiederum - wie nennen wir das? - mit kleinen „rhythmischen sprints“ von Fabian Arends.
Ach ja, zwischendrin als einziges Fremdstück, „Half the Fun“ von Duke Ellington, hier in einem quasi gestreckten Bolero gespielt; man konnte es auch hören als eine Hommage an Martin Denny (1911-2005), den Erfinder des Exotica-Stiles.
Dieses nun wirklich vergnügliche Konzert schliesst mit „Hype“, dem Titelstück des Debütalbums (2017), im Gegensatz zum Original angereichert um wunderbare rubato-Passagen.
PS: In der Pause gab es - für alle! - eine Jubiläumstorte, obenauf - ein foodprinter macht’s möglich - das „süße“ Foto-Porträt der Band.

erstellt: 09.05.26
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