What you have missed: 40 Jahre Loft, Köln

Schon klar, dass MusikerInnen - zumal anlässlich eines Jubiläums - die location feiern, in der sie oft auftreten und auf Grund derer nicht wenige von ihnen „groß“ geworden sind.
Es war im schon fortgeschrittenen Verlauf des zehnstündigen Konzert- und Dankreigens „Anfangen, wo es anfängt“, als der Bassist Florian Herzog den Kern der Anerkennung (und des in Köln allfälligen Lokalstolzes) zuspitzte auf den entscheidenden Satz: er habe in New York und auch in anderen Ländern gelebt - aber so etwas wie das Loft sei ihm nirgendwo untergekommen.
New York! Das ist spätestens seit den Amtsjahren von Peter Nestler als Kulturdezernent (1979-1994) die vielbeschworene Benchmark jeglicher Hochkultur aus der Domstadt. Mithin bedeutender als der jüngst auf WDR 3 vorgetragene Vergleich des Vorsitzenden der Deutschen Jazz Union, Michael Griener, in Berlin habe man nichts Vergleichbares zu Loft und Stadtgarten.
Berlin! Von dort tönt am nachhaltigsten die Forderung nach einem Mindesthonorar für JazzmusikerInnen. Das ist und das bleibt eine einleuchtende Empfehlung. Aber, wäre sie verpflichtend, also auch in der Wissmannstraße 30 (demnächst Fasia-Jansen-Straße 30) in Köln-Ehrenfeld - im obersten Stockwerk der alten Parfümfabrik residierte seit Jahren schon, sagen wir, ein Architekturbüro.
Den Konzertraum Loft verlassen die allerwenigsten der Auftretenden mit irgendeinem Äquivalent zum Mindesthonorar (250 Euro pro Kopf), die allermeisten mit viel weniger: sie alle spielen „für die Tür“.
Muller und SohnUnd doch kommen alle rasend gerne wieder, sie rennen den beiden Müllers die Bude ein.
„Heute kommen auf ein Konzert 15 Absagen, die ich verschicken muss“, sagt Urs Benedikt Müller der Kölner Stadt-Revue. Vor 9 Jahren übernahm der promovierte Biologe die Institution von seinem Vater Hans-Martin, bis zu seiner Pensionierung Flötist im WDR Sinfonieorchesters.
Benni ist seitdem als „Leiter des künstlerischen Betriebsbüros“ der erste und einzige Festangestellte der Organisation 2ndFLOOReV, über deren „Verwendung der Mittel“, darunter als größter Posten ein Betriebskostenzuschuss der Stadt Köln“, die Webseite Auskunft gibt.
Was Hans-Martin „nebenher“ und mit etlichen Ehrenamtlichen (auch am Jubiläumsabend sieht man Künstler beim Thekendienst) begonnen hat, hat sich zu einer location mit jährlich über 200 Konzerten entwickelt.
Die Motivation hinter der Gründungsidee von 1986 („Unterrichtsraum für sich selbst und ein Konzertraum für andere“), beseelt den Ort 40 Jahre später in gesteigertem Ausmaß:
„Für Musik, für Risiko, für Freiheit … und für Begegnungen“.
Der reale familiäre Rahmen ist dabei lange schon im Netzwerk einer Künstlerfamilie aufgegangen.

40 Jahre Loft   Nillesen   1

Die Jazzpolizei kreuzte ein wenig später auf („…denn es ward Sonntag…) - und platzte sogleich in einen Höhepunkt. Und in eine von mehreren Premieren.
Im Zentrum die unvergleichliche Drone-Ästhetik von Etienne Nillesen auf zwei extended snare drums.
Noch mal für Novizen: der in Köln lebende Niederländer schlägt in seinen Performances (meist) keinen einzigen Beat:
Er „rührt“ mit zwei sticks unvergleichliche, schwebende Klangflächen, vulgo drones; hier eine naheliegende Einladung für Roger Kintopf, b, und Elisabeth Coudoux, arco ihrerseits schillernde Flächen darüber zu schichten.
Das ergänzt sich so subtil, dass an einer Stelle Nillesen vom Cello eine Tonlage adaptiert und im vibrato fortspinnt; man muss schon hinschauen, um den Vorgang sinnlich "korrekt" zu zu rezipieren.
Später, wieder so ein audio/visuelles Paradox, kommt ein Echo von einer der snares. Es ertönt in dem Teil, den Kintopf, wie für sein Instrument üblich, im pizzicato artikuliert - und man unwillkürlich fürchtet: was macht Nillesen denn jetzt?
Nun, er reagiert wie beschrieben - und bleibt im wesentlichen in seinem Modus.
Die drei wissen aus anderen Kontexten, wie man auch in völliger Spontaneität einen guten Schluss erspürt. Und wir haben die Geburt eines Trios erlebt, dessen Fortleben von brennendem Interesse sein sollte.
Roger Kintopf erlebt man später in einem völlig anderen Rahmen, in einer weiteren Premiere, in einem Quartett um Viktor Fox.
Der ist nun ein Club-eigenes Gewächs im Idealformat. Premiere im Loft hatte er mit 16, als ihm das übliche Abhängen nach einem gig wie in dem Manuela-Song von 1963 verwehrt blieb („…ich geh´ noch zur Schule, ich hab´ keine Zei-eit…“).
Inzwischen ist er 26 - und steht auf der Bühne als einer, der weiß (und wissen lässt), dass er dorthin gehört.

40 Jahre Loft   Viktor Fox   1

Fox´ Kunstgriff für diesen ad-hoc-gig: er wählt für dieses - im Vergleich zu den meisten anderen Ensembles - konventionelle Konzept ein Trio zur Begleitung, das in einem stilistisch anderen Kontext zu Hause ist: das Felix Hauptmann Trio. Im Hinblick auf dessen melodisch-rhythmischen Strukturalismus von Benni Müller zurecht als „das avancierteste deutsche Jazzpiano-Trio“ apostrophiert (wobei ihm spontan das dem Loft ebenso verbundene, ähnlich avancierte Trio Neon Dilemma nicht einfallen will, in dem derselbe Schlagzeuger glänzt, Leif Berger).
Als wiederum Roger Kintopf hier die ersten Töne zupft, ahnt die Jazzpolizei, wohin die Reise geht, zu „Nothing Personal“, 1987 von Don Grolnick (1947-1996), für seinen Freund und dessen Album „Michael Brecker“ geschrieben. Ein quirliger Jazz-Blues, in dem Fox die Breckerismen gut unter Kontrolle hatte.
Gefolgt von „Steps“ (aus „Now he sings, now he sobs“, 1968) von Chick Corea und dem triumphalen „Song for Bilbao“ von Pat Metheny (aus „Travels“, 1982), zum Schluß hin von Berger mit einer Art New Orleans back beat unterlegt.
Das hatten die wenigsten von diesen Musikern erwartet. Sie warfen es geradezu hin mit einer Verve, die wie im Sturm die Zuhörer ergriff.
40 Jahre Loft   Ludemann   1Simon Nabatov war da, logo. Der russische Wahl-Kölner, der in vier Jahrzehnten Loft am häufigsten aufgetretene Pianist, mit einer Vorliebe für geradezu prankenhaft ausgeführte Sprünge ins tiefe Register.
Hans Lüdemann, als einziger unter den deutschen Jazzmusikern mehrfach in der Villa Massimo in Rom zu Gast, mit Vertonung von Gedichten des romantischen Dichters Giacomo Leopardi (1798—1837), kongenial vorgetragen von Tamara Lukasheva, voc.
Und was gehört unbedingt auf eine Familienfeier?
Ein ordentlicher Scherz.
Lüdemanns Anmoderation wird in die reiche Anekdoten-Sammlung des Loft eingehen. Um uns auf die zarte Poesie einzustimmen, trug er ein Gedicht auf Deutsch vor - um am Ende erschrocken festzustellen, dass gerade diese Zeilen heute gar nicht aufliegen.
Si tacuisses…nur italienisch eingemessenen Fledermaus-Ohren wäre der Lapsus aufgefallen.

40 Jahre Loft   Huhn Dudek   1Der Kölner Jazz ist mit AltsaxophonistInnen bestens besetzt. Theresia Philipp, neue Co-Leiterin des Bundesjazzorchesters, spielte im Post-FreeJazz eines weiteren ad hoc-Quintetts namens altesloft.
Was sich wiederum stilistisch sowie mit zwei Musikern hier wie dort wenig unterschied von einer elf-köpfigen jungesloft BigBand (entscheidend für Alterswahl dürfe die Dauer der Zugehörigkeit zum haus-internen Kuratorenteam „junges loft“ gewesen sein).
Und dann die Premiere der Altsaxophonisten Leonhard Huhn und Fabian Dudek.
Ersterer bekannt durch seinen zauberhaften Ton im Neo Cool (demnächst wieder in der neuen CD von  Schmid´sHuhn „Hindemith Abstractions“) und mehrjähriger elektro-akustischer Praxis.
Letzterer mehrfach ausgezeichnet und jüngerer elektro-akustischer Erfahrung, beispielsweise in einer beeindruckenden, „Bitches Brew“-artigen Assoziation bei der cologne jazzweek 2025.
Sie sind nicht die ersten, die den schönen Ton, aber auch die Sax-shouts, wenigsten mal für ein Konzert verbannen und vom Horn aus in weite Klangwelten vorstoßen wollen.
Und sie sind leider auch nicht die ersten, die der Sucht nach steten Klangwechseln in diesem Metier erliegen und erst mal alles raushauen, was sich raushauen lässt, ohne oben und unten, ohne Vorder- und Hintergrund, ohne irgendeine Klangökonomie, aber mit den in der „richtigen“ Elektro-Akustischen Musik verpönten, hochgepitchten micky-mouse-Stimmen.
Erst als sie zum Schluß hin vieles verschossen haben und beginnen, saxphonistischer zu denken und zu spielen, bei weitaus weniger Effekten, ergibt sich eine Vorstellung, was diese beiden Alt-Größen bei umgekehrter Performance-Ordnung hätten leisten können.

40 Jahre Loft   Bonnen   1

 Zum krönenden Abschluss, man kann’s nicht anders nennen: Konzeptkunst von Bonnen. Der mal wieder die Genres aneinander koppelt. (Eigentlich müsste die Jazzpolizei, ihren eigenen Prinzipien folgend, hier schweigen. Weil sie befangen, nämlich Bonnen in einem gemeinsamen Trio, Rübosom, verbunden ist. Aber das hieße auch, das strukturell passende Finale eines langen Tages zu übergehen.)
Dietmar nimmt kein Instrument, der nimmt das Mikrofon zur Hand, er beginnt schlagerhaft. Und nach kurzem Einhören wird deutlich: er beginnt mit einem Liedermachersong, mit seinem Trio macht er einen Besuch im Zoo, mit Hilfe von Georg Danzers quasi überzeitlichem „Die Freiheit“ (1979). U.a. heisst es dort:
die freiheit ist ein wundersames tier/und manche menschen haben angst vor ihr/doch hinter gitterstäben geht sie ein/denn nur in freiheit kann die freiheit freiheit sein.
Der Song klingt aus, weitet sich in ein kollektives Intermezzo, währenddessen Bonnen weitere acht MusikerInnen peu á peu auf die Bühne bittet, u.a. die beiden Altisten Theresia Philipp und Leonhard Huhn, den irakischen Kniegeigenspieler Bassem Hawar, die klassische Blockflötenspielerin Lucia Mense, Shannon Barnett, tb, sowie auch den älteren Herrn des Hauses, Hans-Martin Müller (Flöte).
Zu dem nun anschwellenden Sixte ajoutée-Akkord tragen alle nur einen, einen jeweils anderen Ton bei. Er schaukelt sich hoch in einem langsamen crescendo, das Bonnen per Dirigat zum Verstummen bringt.
Ein auch optisch ungemein passender Deckel zur gesamten Veranstaltung.

Foto: Frank Schemmann (die Müllers)
erstellt: 28.04.26
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