Deutscher Jazzpreis 2026 - oje

Über den Deutschen Jazzpreis lesen, z.B. indem man die Namen der Ausgezeichneten zur Kenntnis zu nimmt…Deutscher Jazzpreis Bremen Aki Takase CNiklas Marc Heinecke 1445 2... ist etwas, was man mit einem sehr laaang gestreckten OK tun mag.
Die einvernehmlichste Zustimmung dürfte Aki Takase gelten, die für ihr „Lebenswerk“ geehrt wurde (und deren Preis, wegen Krankheit in Abwesenheit, ihr musikalischer Partner Daniel Erdmann entgegennahm).
Mitunter aber erschliesst sich nicht, welche spezifische Qualität die Jurys einem/r Ausgezeichneten in einer bestimmten Kategorie zuordnen wollten. Waren sie von instrumentalem Handwerk beeindruckt, oder wollten sie nicht doch eher Marker aus einer der vielen Ableitungen der Leittugend „Diversität“ betonen?
In der Wahl der von Anna Webber & Angela Morris geleiteten Webber/Morris Big Band zum „Große(n) Ensemble des Jahres international“ kommen freilich beide Eigenschaften zusammen; sie animierten die Jury zu einer durchaus mutigen Entscheidung.
Unvermeidbar offenbar, dass unter der Ableitung „hip“ weniger Innovation als vielmehr Mimikry Eindruck schindet, besonders erkennbar im Falle der beiden „Debütalben des Jahres“. Das Moses Yoofee Trio (national), das Robert Glasper gut abgelauscht hat, sowie yonglee & DOLTANG aus Südkorea mit „Invisible Worker“ (international), einem kaum verhüllten Aufguss der Chick Corea Elektric Band.

Über den Deutschen Jazzpreis lesen ist das Eine...

Deutscher Jazzpreis Bremen 25 April 2026 C Camille Blake   Deutscher Jazzpreis 105
Das Andere ist, einen schönen Samstagabend live zu opfern bzw., wie es die Jazzpolizei verspätet tut, die Tortur zu unternehmen, durch die knapp dreistündige Aufzeichnung zu skippen.
Erster Eindruck (wieder einmal): der deutschen Jazzszene, in deren Verantwortung diesbezüglich Kräfte und Zuständigkeiten wechseln, fällt es schwer zu feiern. Sie hat immer noch kein Format gefunden, das der Würdigung von KünstlerInnen unter ihrem weiten Genrebegriff „Jazz“ angemessen, geschweige denn würdig ist.
Paradigmatisch dafür der show opener: er will einfach nicht gelingen.
Ein Quintett um die beiden Holzbläserinnen Birgitta Flick, ts, und Silke Eberhard, bcl, intoniert knapp vier Minuten ein sinistres Stück, gut gebaut, mit leichtem Post FreeJazz-Anflug, es eignete sich für ein balladenhaftes Intermezzo in einem Konzert dieser Band.
In diesem Kontext aber wirkt es wie ein Requiem - das ins schiere Gegenteil kippt, als die beiden Moderatoren auf die Bühne kommen. Götz Bühler, „the one and only Götz Bühler“, wie seine neue Partnerin ihn abwedelt. Er macht diesen Job seit ein paar Jahren, nun zusätzlich zu seiner Rolle als Chef der jazzahead Bremen.
Diese neue Partnerin Thelma Buabeng; laut Wikipedia Schauspielerin, Comedienne und Fernsehmoderatorin, die es in ersterer Rolle bis zu Frank Castorf ins Berliner Ensemble gebracht hat, beschränkt sich an diesem Abend vollumfänglich auf die Rolle als Comedienne oder doch genauer, als Spaß-Animateurin.
Selbst dem für kritische Anmerkungen nicht gerade anfälligen blog jazz-fun.de „fehlte die Chemie“ zwischen den beiden, er sah „eine Jazz-Gala, animiert wie eine Schlagershow.“
Deutscher Jazzpreis Bremen PreiseC Camille Blake   Deutscher Jazzpreis 147Nicht selten dienten die beiden einander als showstopper, die Dramaturgie schien ungeprobt, (wann kommen die Ausgezeichneten auf die Bühne, wo treten sie ab?). Patzer wurden betont, aber nicht lässig weggebügelt a la Harald Schmidt („herausstellen, was man nicht verbergen kann“), sondern in lärmiger Spaß-Attitüde bewitzelt. 
Und immer in Superlativen. Positiv und Komparativ hatten frei an diesem Abend in Bremen.
Auf Lob kamen fast so viele Anteile Eigenlob, der Auftritt der Initiative Musik Geschäftsführerin Katja Lucker bestand überhaupt nur aus letzterem („Hatten wir schon jemals so ne Stimmung?“).
Der Abgesandte aus dem Hause Weimer, Konrad Schmidt-Werthern, sprach Englisch, ein Jury-Vertreter, Dennis Wiesch von der Stadt Monheim, sprach Deutsch (man wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Herkunft von „Rhein km-714“ nicht mehr mit der Monheim Triennale, sondern mit der städtischen Jazzreihe assoziiert wird); mehrere andere sprachen Englisch, überraschenderweise der Perkussionist Diego Pinera, in seiner Eigenschaft als Jurymitglied, ebenfalls Deutsch.
Wie im Vorjahr durfte Karen Kennedy erneut Grüße vom amerikanischen Jazz-Essentialismus überbringen („…representing American black music, also known as jazz“). Konsequenterweise ruft sie eine person of colour, den Schlagzeuger des Jahres, Lukas Akintaya, erneut auf die Bühne, um ihn an ihr Herz zu drücken („He has demonstrated of how to honor the origin of jazz, a music that came out of the lived experience of former slaves“).
Die Lieblingskategorie von Frau Kennedy ist „Album of the Year, international“, hier kann sie ihr Entzücken über die Wahl von Jonathan Blake mit „My Life matters“ ausbringen (der wie alle fellow Americans nicht zur Stelle war).
Und die Jazzpolizei fragt, warum ein deutscher Preis, der in jeder Sekunde bereit ist, das Hohe Lied auf Diversität in allen Schattierungen zu singen, unter dem Aspekt „international“ gehorsam US-Ballast mitschleppt (und sei er noch so berechtigt wie Kris Davis) - der aber nichts zum Ablauf des Abends beiträgt. Warum nicht die Kategorie „international“ freiwillig auf Europa beschränken?
Deutscher Jazzpreis Bremen BovenschulteDeutscher Jazzpreis 307Andreas Bovenschulte dürfte der Idee vermutlich etwas abgewinnen. Nachdem er der Bürgermeister des Stadtstaates Bremen eingangs schon artig der Aufforderung von Frau Buabeng zum Hüftewackeln gefolgt war, brachte er nach allfälligem Lob für Jazz & Bremen und Jazz in Bremen den einzigen real-politisch erwägenswerten Gedanken des Abends hervor.
Im Gegensatz zu anderen Genres (Bovenschulte denkt da an Rock & Pop, auch Liedermacher), widersetze sich „die spezifische Form des Jazz (…) der autoritären Aufladung. Und deshalb brauchen wir den Jazz mehr denn je nicht nur als künstlerisches, sondern auch als politisches Statement. Das ist das immanente Leistungskriterium des Jazz. Das muss man auch noch mal so deutlich sagen.“
Da hat Bovenschulte einen Punkt.
Und wer ihn widerlegen will, muss schon tief in die Geschichte des Jazz eintauchen, beispielsweise zu Charlie & His Orchestra, das auf Anweisung Goebbels´ 1:1 die Texte amerikanischer und britischer Jazzhits der Zeit mit deutschen Propaganda-Texten vertauschte. Unter strikter Beibehaltung der (instrumentalen) Form.
Oder bei Rüdiger Ritter nachlesen über die Erfahrungen aus dem Kalten Krieg, wo man - auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges - nicht gar so prickelnde Erfahrungen mit Jazz als Transportmittel machen durfte.
Vielleicht ist Bovenschulte auch inmitten der zahlreichen shoutouts (so heisst heute das „Dankeschön“ an Label, Verlag, Tontechniker), ein Gedanke aufgefallen, der so gar nicht dahin zu passen schien.
Es war der Bassist Roman Klobe-Barangă aus dem Moses Yoofee Trio, der seiner Reihe von shoutouts diesen noch anfügte:
„Jazz gibt Leuten, die kein Abi machen, die nicht nach der Grundschule aufs Gymnasium gehen, die Möglichkeit, Musik zu spielen.“
Egal, ob der Satz auf ihn persönlich zutrifft oder nicht - er artikuliert einen leisen Widerspruch zu dem selbstanklägerischen Elite-Vorwurf in einigen Teilen der deutschen Jazzszene, die ihre hohen Bildungsabschlüsse als Hindernis zur Generierung von mehr Diversität auf den Bühnen betrachten.
Klobe-Barangăs Gedanke wäre ein Debattenanstoß, er käme, vollständig ausformuliert, natürlich nicht ohne Vergleich zur „Klassik“ aus, wo man - im Gegensatz zum Jazz - ohne prestige-trächtige Ausbildung, z.B. ohne den Status „MeisterschülerIn von ´XYZ“ zu sein - wenig Chancen auf Spitzenplätze hat.
Im deutschen Jazz erhält Klobe-Barangă mit dem Moses Yoofee Trio immerhin binnen zwei Jahren zweimal den Deutschen Jazzpreis - ob das in dieser Folge und überhaupt gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.
Er beleuchtet jedenfalls eine Errungenschaft, und sei sie auch noch so klein. Über eine andere, wirklich bedeutende Errungenschaft - den großen Musikerinnen-Anteil, ganz oder nahe zur Parität - spricht niemand mehr.

Foto: Niklas Mark Heinecke, Camille Blake
erstellt: 05.05.26/Titel geändert 13.05.26
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