Aber selbstverständlich, sie hätten auch 24 Stunden später glänzend auf diese Bühne gepasst, am Tag Der Offenen Tür, anlässlich 40 Jahre Loft.
Der eine (Vogel) mit zeitlich früherem Bezug zum Hause, der anderen (Stemeseder) mit häufigerem; zuletzt sah man sie zusammen am angegebenen Ort am 11.11.24, im Pulk von Christian Lillingers Plaiste-Festival.
Aber zwei Praktiker, denen man nun vollumfänglich den pianistischen Fuhrpark des Hauses zur Verfügung stellt: zwei volltönende Konzertflügel (ein Steinway D, ein Yamaha), noch dazu gut gestimmt (Hans Giese) - die kann man schlecht in einen der vielen 25-Minuten-slots des Folgetages pressen.
Warum sich viele, die man dort vermutet hatte, nicht blicken ließen, wo doch eine Portion Extraklasse des europäischen Jazzpianos zu erwarten war, bleibt ein Rätsel.
Sie haben ganz gewiß etwas verpasst.
Nämlich die Performance zweier Schulfreunde aus Salzburg, die dort dasselbe Gymnasium besucht haben. Wovon der jüngere, Elias Stemeseder, Jahrgang 1990, mit Wohnsitzen in Berlin und New York, einen international größeren Radius bespielt; wohingegen die auch musiktheoretische Durchtriebenheit von Georg Vogel, geb. 1988, konkurrenzlos sein dürfte.
Er ist nicht nur an einem der führenden europäischen Jazzrock-Trios beteiligt (GeoGeMa). Er betreibt ein Ensemble mit neo-osmanischer Musik (Zençir), er baut und spielt keyboards, die nicht 12 Töne pro Oktave kennen, sondern deren 31! Sprich Mikrotonalität.

Georg Vogel (l), Elias Stemeseder (r)
Nichts von alledem an diesem Abend. Ein Programm in freier Auslegung der Tonalität, großer Anschlagskultur, eines kompositorischen Denkens & Improvisierens.
Die Stimmführung, so verschränkt, dass nur selten eine temporäre Rollenverteilung in „Solist“ & „Begleiter“ durchscheint. Es herrscht ein symbiotisches Interpretieren, das die Frage obsolet erscheinen lässt: wer hat was komponiert?
Sie wechseln die Flügel, mitunter auch (eine kleine Show-Geste) inmitten eines Stückes.
Nicht obsolet, der Blick in die Partitur, kein Stück läuft ohne sie.
Ältere wie neuere Stücke wimmeln nur so vor Bezügen zur klassischen Moderne, meist gut versteckt.
Die Jazzpolizei war hocherfreut, darin auch einen „Klassiker“ von Georg Vogel zu entdecken: „Zug“, im 19/16-Takt, mit Spurenelementen von Jaco Pastorius´ „Teen Town“ und Ligetis „Fanfaren“.
Das alles würde ein wie auch immer „klassisches“ Pianoduo anders schreiben, anders interpretieren. Erst in der zweiten Hälfte deutet ein zarter swing a la Bill Evans in Richtung „Jazz“; in der Zugabe dann eine virtuose Paraphrase über „I´m getting sentimental over you“.
Die Zuhörer schienen enthusiasmiert, als hätten die beiden sie irjenswie in Schönbergs „Verklärte Nacht“ geführt. Wer weiß, vielleicht war diese ja auch darin versteckt.
erstellt: 27.04.26
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