Brad Mehldau, 55, trifft zum ersten Mal auf eine Big Band.
In Europa, in Deutschland.
Das mag nicht wirklich überraschen, ebenso wenig dass es eine Radio Big Band ist. Und im Grunde zu erwarten, dass die Wahl nicht auf die in Köln oder Hamburg fällt, sondern auf die in Frankfurt. Die Frankfurt Radio Big Band.
So könnte er sie nennen, das ist ihr internationaler Name. Aber es gehört zu seinem sehr spezifischen Ansagestil, dass er, der der Geistesgeschichte des Gastlandes verbunden ist wie kein zweiter Kollege, sich auch um dessen Sprache bemüht und sie also korrekt hr Big Band ausspricht (und nicht, wie man ihm hätte durchgehen lassen, „eeijtsch-arr-big-band“).
Ebenso übrigens wie Darcy James Argue, 50, seit zwei Jahren Composer In Residence des Frankfurter Ensembles. Mehldau ist ein Fan von Argue. Und zu dessen Mitgift beim Antritt in Mainhattan gehörte der Vorschlag, Stücke von Mehldau zu arrangieren und mit ihm aufzuführen.
Argue ist mit seinem Deutsch noch nicht so weit fortgeschritten, er traut sich aber, die Namen der Bandmitglieder ohne anglophonen Schnalz auszusprechen; dass er aus dem Saxophonisten Frank Wellert einen „Frank Angel“ macht, wird von der Woge der Begeisterung aus dem Auditorium einfach so weggetragen.
Und es bestand an diesem ersten von zwei Abenden genügend Anlass dazu.
Zwei Projekte binnen vier Wochen mit Innovatoren der gegenwärtigen Big Band Szene: das darf man Luxus nennen oder auch Weitsicht, die sich die hr Big Band erlaubt & demonstriert. Anfang Februar in Darmstadt John Hollenbeck, jetzt Darcy James Argue, beide Schüler von Bob Brookmeyer (1929-2011), und zueinander, wenn man das Raunen des einen richtig versteht, Antipoden.
Der kurzatmige Einwand aus der „das-kann-man-nicht-vergleichen“-Fraktion forciert geradezu, die Unterschiede wahrzunehmen und zu beschreiben.
Die Bewertung, die darin fälschlicherweise immer auch mitschwingt, sie steht auf einem anderen Blatt, und dort zuvorderst über dem gemeinsamen Nenner, dass eine Anstalt sich glücklich schätzend darf, ein Ensemble zu beherbergen, das absolut glänzend beiden Anforderungen gerecht wird.
Wobei Hollenbecks Abend in Darmstadt in puncto Innovation der deutlich prägendere war.
Bei ihm legen Solisten nicht lange Wege zum Solo-Mikrofon zurück wie hier Dennis Gäbel, ts, und Felix Fromm, tb, gleich dreimal in einem einzigen Stück („Aquaman“, aus dem Album „Ode“, 2011) und falten und entfalten ihr Notenpapier.
Hollenbeck konzipiert von vornherein für großes Ensemble und kalkuliert die Brüche und Abweichungen von den Konventionen des Genres.
Argue hingegen ist gehalten, vorhandene Stücke auszuformulieren & auszuschmücken, die meist im Trioformat vorliegen, aber auch solo (z.B. „29 Psalms“, aus dem Album „Places“, 2000), alle von Brad Mehldau.
Brüche, stilistische Sprünge wie in Argues eigenen Werken sind dabei nicht vorgesehen. Ein „arranging the hell out of something“, ein früheres Motto von Django Bates (an das jener sich selbst in „Saluting Sgt. Pepper“ nicht gehalten hat) läge ihm fern.
Dies ist ein Abend zur Begleitung eines renommierten Komponisten und zugleich noch renommierteren Pianisten - mit einem anderen oder einer anderen an den 88 Tasten klänge er ganz anders.
Mehldau beschließt den Auftakt, den vergleichsweise kurzen „John Boy“ (aus „Highway Rider“, 2009) mit einer überraschend langen Solo-Coda.
Überhaupt die Codas!
In „Aquaman“ (aus „Art of the Trio Vol 1“, 1998) geht die Band ins halbe Tempo, in der Zugabe „Old West“ (gleichfalls aus „Highway Rider“), beschließt er das Konzert wie er es begonnen hat, mit einer Piano-Solo-Coda - nun aber wohl im Bewusstsein aller, dass ein zu recht umjubelter Abend hinter uns liegt.
Dazwischen immer wieder Soli in großer Unabhängigkeit von linker & rechter Spielhand, ein sehr spezielles timing & Phrasierung, nicht in jedem Takt spielt er überhaupt einen Ton. Und wenn & wie er dann wieder einsetzt - ein Lächeln des Staunens legt sich auf die Gesichter der in diesem Moment untätigenBläser.
Aber auch umgekehrt, wiederum in „Old West“: Mehldau stellenweise allein mit der Ryhthmusgruppe, mit Hans Glawischnig, b, und Jean-Paul Hochstädter.
Letzterer wechselt in diesem Stück an die Cajón, eine Kistentrommel. Er sitzt auf der drum und schlägt sie. Mehldau schickt (s)ein anerkennendes Lächeln.
Man kann diesen Moment auch hören wie eine Rahmung des ganzen Konzertes, als Rückgriff auf den eröffnenden Moment: da führt sich Hochstädter, ähnlich minimal-perkussiv, lediglich mit ein paar HiHat-offbeats ein.
Als Band, Arrangeur und Komponist/Pianist nach der Pause zurückkehren, erinnert man sich, sehr von Ferne, an das Wort von der „Nervosität“, mit der hr Big Band-Manager Olaf Stötzler in seiner Begrüßung die Stimmung vor der Premiere gekennzeichnet hatte.
Wenn man sie denn überhaupt hat wahrnehmen können - sie war sicher längst außer Haus dank des furiosen Auftaktes der zweiten Konzerthälfte: „London Blues“ das älteste Stücke des Abends (aus „Introducing Brad Mehldau“, 1995). Darcy James Argue hat diesen uptempo swing in einen Raum mit subtilen Klangschattierungen verlegt.
Dann ergreift Mehldau erneut das Mikrofon und kündigt zwei Walzer an: zunächst „Ron´s Place“ (erschienen auf zwei Alben Ende der 90er), dazwischen „Resignation“ (ein Solo-Stück aus „Elegiac Cycle“, 1999), das - der Komponist weist darauf hin - keineswegs so klinge, wie es heißt: Argue hat es auf ein sehr munteres ostinato gesetzt.
Und schließlich „Father“, ein wunderbar swingender Jazz-Walzer, die einzige Vorlage aus einem nicht-ausschließlich-Mehldau-Album, nämlich „RoundAgain“, 2019,
Steffen Weber, der hier am Sopransaxophon den (originalen) Part des Joshua Redman ausfüllt, lässt jenen ebenso nicht vermissen wie kurz darauf Heinz-Dieter Sauerborn in dem elegischen Intro mit Mehldau zu „Old West“. Das Stück verengt sich zugunsten einer Coda (!) des Solo-Pianisten Mehldau, der den Pop-Groove aufgreift und ablöscht.
Atmosphärisch geradezu ein Katapult für die nun ausbrechenden standing ovations.
Brad Mehldau kehrt zurück…die Jazzpolizei hetzt dem Ausgang zu. Sie muss, denn:
auf die Frankfurter Öffis ist, aus Kölner Erfahrung, Verlaß.
Auf die Bahn nicht - wie sich erwartungsgemäß wieder zeigt. In Köln auf die KVB, dito, sowieso nicht.
Fotos: Sascha Rheker/hr
erstellt: 06.03.26
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