Über den Deutschen Jazzpreis lesen, z.B. indem man die Namen der Ausgezeichneten zur Kenntnis zu nimmt…
... ist etwas, was man mit einem sehr laaang gestreckten OK tun mag.
Die einvernehmlichste Zustimmung dürfte Aki Takase gelten, die für ihr „Lebenswerk“ geehrt wurde (und deren Preis, wegen Krankheit in Abwesenheit, ihr musikalischer Partner Daniel Erdmann entgegennahm).
Mitunter aber erschliesst sich nicht, welche spezifische Qualität die Jurys einem/r Ausgezeichneten in einer bestimmten Kategorie zuordnen wollten. Waren sie von instrumentalem Handwerk beeindruckt, oder wollten sie nicht doch eher Marker aus einer der vielen Ableitungen der Leittugend „Diversität“ betonen?
In der Wahl der von Anna Webber & Angela Morris geleiteten Webber/Morris Big Band zum „Große(n) Ensemble des Jahres international“ kommen freilich beide Eigenschaften zusammen; sie animierten die Jury zu einer durchaus mutigen Entscheidung.
Unvermeidbar offenbar, dass unter der Ableitung „hip“ weniger Innovation als vielmehr Mimikry Eindruck schindet, besonders erkennbar im Falle der beiden „Debütalben des Jahres“. Das Moses Yoofee Trio (national), das Robert Glasper gut abgelauscht hat, sowie yonglee & DOLTANG aus Südkorea mit „Invisible Worker“ (international), einem kaum verhüllten Aufguss der Chick Corea Elektric Band.
Über den Deutschen Jazzpreis lesen ist das Eine...

Das Andere ist, einen schönen Samstagabend live zu opfern bzw., wie es die Jazzpolizei verspätet tut, die Tortur zu unternehmen, durch die knapp dreistündige Aufzeichnung zu skippen.
Erster Eindruck (wieder einmal): der deutschen Jazzszene, in deren Verantwortung diesbezüglich Kräfte und Zuständigkeiten wechseln, fällt es schwer zu feiern. Sie hat immer noch kein Format gefunden, das der Würdigung von KünstlerInnen unter ihrem weiten Genrebegriff „Jazz“ angemessen, geschweige denn würdig ist.
Paradigmatisch dafür der show opener: er will einfach nicht gelingen.
Ein Quintett um die beiden Holzbläserinnen Birgitta Flick, ts, und Silke Eberhard, bcl, intoniert knapp vier Minuten ein sinistres Stück, gut gebaut, mit leichtem Post FreeJazz-Anflug, es eignete sich für ein balladenhaftes Intermezzo in einem Konzert dieser Band.
In diesem Kontext aber wirkt es wie ein Requiem - das ins schiere Gegenteil kippt, als die beiden Moderatoren auf die Bühne kommen. Götz Bühler, „the one and only Götz Bühler“, wie seine neue Partnerin ihn abwedelt. Er macht diesen Job seit ein paar Jahren, nun zusätzlich zu seiner Rolle als Chef der jazzahead Bremen.
Diese neue Partnerin Thelma Buabeng; laut Wikipedia Schauspielerin, Comedienne und Fernsehmoderatorin, die es in ersterer Rolle bis zu Frank Castorf ins Berliner Ensemble gebracht hat, beschränkt sich an diesem Abend vollumfänglich auf die Rolle als Comedienne oder doch genauer, als Spaß-Animateurin.
Selbst dem für kritische Anmerkungen nicht gerade anfälligen blog jazz-fun.de „fehlte die Chemie“ zwischen den beiden, er sah „eine Jazz-Gala, animiert wie eine Schlagershow.“
Nicht selten dienten die beiden einander als showstopper, die Dramaturgie schien ungeprobt, (wann kommen die Ausgezeichneten auf die Bühne, wo treten sie ab?). Patzer wurden betont, aber nicht lässig weggebügelt a la Harald Schmidt („herausstellen, was man nicht verbergen kann“), sondern in lärmiger Spaß-Attitüde bewitzelt.
Und immer in Superlativen. Positiv und Komparativ hatten frei an diesem Abend in Bremen.
---wird fortgesetzt
Foto: Niklas Mark Heinecke, Camille Blake
erstellt: 05.05.26
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