More of the Same - Jazzfest Berlin 2026

Für gewöhnlich veröffentlicht das Jazzfest Berlin sein Programm Anfang September. Das ist bei der 63. Ausgabe des Festival (29.10. - 01.11.) anders.
Zwar datiert die Webseite die „Veröffentlichung (des) Gesamtprogramm(s)“ auf den 10. September und den Ticketvorverkauf auf den 17. September 2026 - wer aber auf der Seite nach unten scrollt (oder den newsletter erhält), dem öffnet sich schon vorfristig ein umfänglicher „Erster Blick auf das Line-up“ (nebst einer Spotify-Playlist mit 21 Stücken).
Als headliner werden herausgestellt: Anthony Braxton und Alexander von Schlippenbach, „zwei wegweisende Stimmen, die seit Jahrzehnten die globale Szene prägen und das Jazzfest Berlin wiederholt bereichert haben“.
Mittels des „Künstler*innenarchiv(s) ab 1964“ lässt sich diese Errungenschaft gut nachverfolgen. 
Demnach hat Anthony Braxton in diesem Jahr seinen insgesamt sechsten Auftritt bei den Berliner Jazztagen/Jazzfest Berlin (und 50 Jahre nach seinem ersten).
Alexander von Schlippenbach saß 14 Mal an diversen Pianos (darunter sechs Mal mit dem Globe Unity Orchestra.) 

Und man konnte mit Hilfe der berühmten Berendt´schen Zehnjahresschritte antizipieren, dass nach der legendären Premiere 1966 sowie dem 40. und 50. Bandjubiläum das Festival sich angelegen sein lassen würde, nunmehr auch das Sechzigjährige programmwürdig zu finden.
Das ist Tradition aus Gewohnheit, man wird keine gesonderte musikalische Begründung dafür erwarten dürfen.
Lange vorbei die Zeiten, als dies noch in groben Zügen als programmatische Begleitmusik geliefert wurde (beispielsweise durch die Themen-Orientierung von Berendt oder die seinerzeit viel kritisierten „Schienen“ unter der Programmleitung von George Gruntz). 


Der heutige Ton ist weniger einer der musikalischen Begründungen, sondern des Netzwerkens, der Zufriedenheit über die inzwischen weitaus größere Diversität derer auf der Bühne, der „globalen Jazzcommunity“. 

George Gruntz (1932-2013) hat von 1972 bis 1994 das Programm der Berliner Jazztage/Jazzfest Berlin bestimmt, uneinholbare 22 Mal.
In weitem Abstand auf Platz zwei folgt … nein, keineswegs der Gründer des Festivals, Joachim Ernst Berendt (1964-1971), sondern die bis dato einzige Leiterin, Nadin Deventer.
2026 ist ihre neunte Saison, ihr Vertrag läuft bis Ende 2027.
Der Bedeutungsverlust von Jazztage/Jazzfest, die der amerikanische Kritiker Nat Hentoff in den Sechzigern noch als „Europe’s, if not the World’s leading Jazz Festival“ ausrufen konnte, hat lange vor ihrer Zeit eingesetzt.
Die mannigfaltigen Gründe dafür verbergen sich hinter einer Tür mit der Milchglasscheibe „veränderte Jazzlandschaft“: Moers, Monheim, Köln, der Rhein-Neckar-Raum, Aktivitäten mit inzwischen auch schon jahrzehntelanger eigener Tradition, lauten die offenkundigen Begründungen für den rapide geschmolzenen Dominanzanspruch des Hauptstadtfestivals.
Wer ganz früher aus Berlin kam, hatte schon die Hälfte der Eindrücke beisammen für seine Bilanz „Ein Jahr in Jazz“.  (Und es bedürfte anstrengender Arbeit, mindestens von der Gründlichkeit einer Dissertation, das weitere Symptomgerümpel des Niederganges zu sortieren, insbesondere den sehr wechselvoll glückhaften Anteil der Kuratoren/in daran.)
Berlin nun also zum 63. Male. Was die Neugier darauf bremst, ist der erste Eindruck eines auffälligen „more of the same“ - der sich wiederum mit Hilfe des Künstlerarchivs kaum widerlegen, sondern eher bestätigen lässt.
Die Binse vorweg: die Spielfrequenz einer KünstlerIn in Berlin taugt nicht als Indiz für ihre Bedeutung in der - hoch gegriffen - Jazzgeschichte. Aber ins Nachdenken bringt sie doch…
Vor allen anderen fällt hier die amerikanische Gitarristin Mary Halvorson auf.
Eine erste Einladung erfolgte 2016 noch unter der Direktive von Richard Williams (2015-2017). Seine Nachfolgerin hat sie dann zehn weitere Male gerufen (mitunter mehrfach, wie andere auch, als leader oder sidewoman oder Mitwirkende bei sonstigen Projekten). 
2026 wird Halvorson zweimal als sidewoman zu erleben sein (im Tomeka Reid Quartet sowie in Ches Smith´ Clone Row). In summa: 13 Performances innerhalb eines Zeitraumes von 12 Jahren. 
Apropos Tomeka Reid, die amerikanische Cellistin tritt 2026 mit ihrem Quartett an, im Vorjahr war sie in einem kollektiven Trio präsent; sie bringt es auf insgesamt acht Performances. 
Reid liegt damit gleichauf mit der norwegischen Saxophonistin Mette Rasmussen und deren Landsmann, Bassist Ingebrigt Haker Flaten; sie kommt in diesem Jahr mit dessen Ensemble (Exit) Knarr.
Zeugen bislang fünf Auftritte des Chicagoer Gitarristen Rob Mazurek unter der Ägide Deventers (plus 2026 im Chicago Underground Duo) von seiner großer Bedeutung?
Wo es doch der weitaus wandlungsfähigere Multistilist Alexander Hawkins auf die gleiche Zahl bringt (2026 mit Willow Music)?

Ein Alexander Hawkins vergleichbarer Fall, nämlich der eines vielerorts anerkannten Innovators, dürfte der in Berlin ansässige schwedische Bassist Petter Eldh sein (ab 2007 mit vier Auftritten vor Deventer, in ihrer Ägide nach 2018 dann weitere sechs) und nunmehr 2026 als Mitwirkender bei Christian Lillingers Open Form for Society II.

Der wiederum mag einem, ebenfalls unter dem Vorzeichen des Neuerers, mit insgesamt vier Performances (zwei vor, zwei nach 2018) als beinahe schon „unterrepräsentiert“ vorkommen.

Und nämliches, unter Auslassung der Anführungszeichen, gilt wortwörtlich für Lillingers langjährigen Mitspieler Christopher Dell.
Der bedeutende Vibraphonist & Konzeptionalist bringt es seit 1999 auf ganze vier Auftritte beim Jazzfest Berlin (ein einziger davon unter Nadin Deventer: 2019) Das war - ebenso wie es 2026 sein wird - mit seinem langjährigen Partner ... Christian Lillinger).
Für einen ziemlich sicheren Höhepunkt beim 63. Jazzfest Berlin fungiert das Festival lediglich als Station einer größeren Tournee, nämlich für das Immanuel Wilkins Quartet.
Das vermutlich nicht nur das Jazzfest Berlin 2026, sondern das gesamt Jazzjahr überragend wird.

Wir sind nun wirklich gespannt auf das übernächste, das 65. Jazzfest Berlin.
Früher wäre aus diesem Zahlenanlass garantiert irgendein Gedanke im Assoziationsrahmen „Rente“ gefallen…

Foto: Gerhard Richter
erstellt: 13.07.26
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