cologne jazz week 2026 (III)

Der Anstoss - wen wundert´s - war Terri Lyne Carrington mit ihrer Selektion „New Standards - 101 Lead Sheets by Women Composers“ (2022).

Die Kölner Adaption benötigt die darin sich manifestierende Gender-Balance nicht. Und was die Anzahl der ausgewählten Kompositionen betrifft, so geht „101“ in der Domstadt schon gar nicht. 
In der lokalen Zahlenmystik, der auch Zugezogene rasch erlegen sind, muss notwendig die Primzahl „11“ enthalten sein. Insoweit umfasst die Kölner Version einer Sammlung ansässiger oder dem Ort verbundener KomponistInnen 111 Stücke.
Das ergibt eine kölsche Version, ohne volkstümlichen Charakter: das Cologne Songbook. 111 Compositions by Cologne Composers.
Auch das Auswahlverfahren lief am Rhein anders als am Charles River (in Boston):
Die Mitglieder der Kölner Jazz Konferenz (Aktive auf und hinter der Bühne) konnten je drei AnwärterInnen nominieren, die sie mit je einem Werk in den 111er Kanon sich wünschten.
Das klingt demokratisch - produziert aber wie jede Wahl auch Verlierer.
Ein erster Blick auf die Auserwählten zeigt: von ein paar Ausnahmen abgesehen (z.B. Peter Herbolzheimer, Wolfgang Engstfeld, Manfred Schoof, Joachim Ullrich) wählt hier die Gegenwart sich selbst. Jüngste Neuzugänge zur Szene sind präsent, ältere konzeptionelle Charakterköpfe der Kölner Szene fehlen: Roger Hanschel, Dirk Raulf, Norbert Stein (wundersamerweise alle mit Vergangenheit in der Kölner Saxofon Mafia) . 
Stefan Karl Schmid, der das Projekt von der Selektion der Namen über die Printversion (auch pdf) der Stücke bis hin zu deren Umsetzung in Bühnenfassungen betreut hat, betont: „cologne songbook“ ist kein kuratiertes Projekt, es beruht schlicht auf einem Ranking, auf Stimmenmehrheit.
Das „Schicksal“ der drei Genannten erklärt er so: zwei von ihnen gelangten nicht unter die top 111, der dritte (dem dies gelang) konnte keine Komposition einreichen, die den geforderten Umfang von zwei Seiten nicht überschreitet.

Schmid´s Huhn brachten das brandneue Projekt auf die Bühne des Stadtgarten, zumindest 7 aus 111.
Ob ein Höreindruck irjenswie einen gemeinsamen Nenner (der begrifflich ernstzunehmen wäre) hervorbringen oder wenigstens doch andocken konnte an den Slogan vom „Rhine Style“, der vor Jahren beim Aufkommen des Pablo Held Trios kurzzeitig im Umkreis des WDR kursierte, muss verneint werden.
Es war - that´s jazz! - eine Sache der Interpreten. Und glücklicherweise im Zugriff eines Quartettes, das seit 13 Jahren existiert, einen definitiven Stil gefunden und jüngst erneut ein bemerkenswertes Album veröffentlicht hat („Hindemith Abstractions“).
Schmid´sHuhn´s (yeah, noch ein Genetiv) Neo Cool ist ein sehr brauchbares Okular, um die Divergenz aus den Originalvorlagen einzuhegen und bei allem Lob der Diversität nicht in eine potenziellen Beliebigkeit abgleiten zu lassen.
Das Quartett bewegt sich absolut elegant im Bop und seinen Nebenflüssen. Die beiden Saxophonisten Stefan Karl Schmid (ts) und Leonhard Huhn (as) sind solistisch und im Zusammenspiel exzellent, aber sowasvon, desgleichen die Rhythmusgruppe mit Stefan Schönegg (b) und Fabian Arends (dr).

Herbolzheimers „Just like that“, ein midtempo swing mit kleinen Stolpersteinen im Thema, markierte in der Selektion des Abends so etwas wie einen „Hauptstrom“ ebenso wie der fast swing in „Devide the Zero“ von Janning Trumann aus seiner New Yorker Zeit.
Ein Stück vom Festivalchef auf dem vom ihm (nebst Kuratorium) gestalteten Programm - war damit schon die Grenze zu einem
G´schmäckle überschritten?
(Fraglos überschritten war diese Grenze in der Person des Mitkurators Alfred Vogel, Betreiber von Boomslang Records, der am 6. Festivaltag im Trio "Are you glad to be in America?" trommelt.)
Leicht rockig der opener „The Magic of Consistency“ des Trompeters Maik Krahl. Ein Teil aus Schmid´s Huhn ist sei Jahren auch der Posaunistin Shannon Barnett verbunden (hier vertreten mit „Bad Luck“, einer Art Trauermarsch in 4/4). 
Multiphonics und Hymnisches in einer Suite des Saxophonisten Jonas Engel, ausgesprochen schöne, enggeführte Stimmen in einer Ballade des Pianisten Hubert Nuss.
Welche Arrangierarbeit vor allem Schmid & Huhn geleistet haben für dieses Format, zeigt ein kurzer Blick in die Partitur von „Lied“ der Cellistin Emily Wittbrot, denn das Original ist genau das: ein Lied für Stimme und Piano.
In der Bearbeitung mit zwei Klarinetten schien das Fremde der Ästhetik von Schmid´sHuhn am nächsten.

Die cologne jazzweek ist, es wurde bereits erwähnt, wie viele andere Festivals auch eine Reihe mit Kontrasten, ja Brüchen - auch am selben Abend im selben Raum.
Nach den Feinmechanikern von Schmid´sHuhn fragt die Jazzpolizei, was wohl die Festivalleitung geritten hat, Sam Gendel solo auf dieselbe Bühne zu schicken.
Es war eine Zumutung, der Saxofonist als Alleinunterhalter. Ein Fall für die Kirmes oder - unter dem Aspekt Technologie-Demo - für die Musik-
messe Frankfurt.
Erneut jemand, der seine Live-Stimmen - ein Sopransaxofon, ein EWI, electronic wind controller (sagen wir grob vereinfachend „Blassynthie“) auf geschichtete Zuspielungen aus Digitalspeichern setzt. Darin eine Sammlung von strukturellen Banalitäten; nicht ein Klang, der auch nur annähernd erinnerungswürdig erscheint.
Nie zuvor hat die Jazzpolizei jemanden erlebt, der die Chuzpe besitzt, eine solche Sammlung aus allerbestenfalls halb-ausgegorenen Ideen auf eine Bühne zu bringen. Noch dazu im Kontext anderer, ambitionierter Künstler.

Es bedurfte einer Helge Schneider-artigen Haltung, diesem Sammelsurium eine applaudierende Hand zu gönnen - die Jazzpolizei ist nicht damit gesegnet.

erstellt: 09.09.26, ergänzt 11.09.26
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