Ja, man könnte versucht sein, mit einer alteuropäisch-bildungsbürgerlichen Denkfigur zu beginnen. Wonach Mays
„der Eckermann“ von Pat Metheny gewesen sei.
So oft tauchte sein Name im Gleichklang mit dem des anderen auf.
Aber erstens war Mays nie so etwas wie „der Sekretär“ von Metheny (wie Eckermann von Goethe), zweitens waren sie peers, Gleichaltrige (Lyle David Mays, geboren am 27. November 1953 in Wausaukee/Wisconsin, ein Dreivierteljahr vor Pat Metheny).
Und sie haben bereits in jungen Jahren, beide knapp über zwanzig, eine Zusammenarbeit begonnen, die an die 30 Jahre währte, bis zu Metheny´s Album „The Way Up“, 2003. Zudem sind sie sich dabei von Anfang auf Augen- bzw. auf Ohrenhöhe begegnet.
„Lyle war einer der größten Musiker, die ich je gekannt habe. In mehr als 30 Jahren war jeder Moment, den wir in der Musik teilten, etwas Besonderes“, lässt sich denn auch Pat Metheny vernehmen.
„Von den ersten Noten an, die wir zusammen gespielt haben, hatten wir eine unmittelbare Bindung. Seine breite Intelligenz und musikalische Weisheit prägten in jeder Hinsicht jeden Aspekt dessen, wer er war. Ich werde ihn von ganzem Herzen vermissen.“
Lyle Mays 1f9bd13e02Tatsächlich ist das Werk von Mays, unabhängig von Metheny, relativ schmal; es umfasst eine Reihe von Gastrollen, u.a. bei Paul McCandless, Eberhard Weber, Bob Moses, Rickie Lee Jones oder Joni Mitchell,  und auch sechs eigene Alben, worunter das letzte „The Ludwigsburg Concert“, 2016 veröffentlicht, eine Aufnahme von 1993 ist.
Mays war auch Pianst, trat aber vor allem als keyboarder hervor, und dies weniger mit hals-
brecherischen Soli a la Jan Hammer oder Chick Corea, sondern eher im Sinne von opulenen elektro-akustischen Orchestrierungen des Klanges.
Er war einer aus den keyboard-Wagenburgen jener Jahre, der auch sehr viel später, als die Geräte deutlich geschrumpft waren, vom Vorzeigemodus des Technologen nicht lassen mochte, wie ein YouTube-Video von 2011 zeigt.
Auch zu diesem Zeitpunkt ist er noch einem Jazzrock wie in den 70ern verpflichtet.
Er, dem immer schon eine Begabung für das Mathematische nachgesagt wurde, habe, so kann man lesen, seine letzten Jahre als Software-Manager gearbeitet. 2016 erklärt er dem amerikanischen Magazin Jazziz (Foto):
"Es ist nicht so, dass ich wirklich den Wunsch habe, die Musikindustrie zu verlassen. Ich habe das Gefühl, dass die Musikindustrie mich verlassen hat, oder uns alle verlassen hat.“
Am 10. Februar ist Lyle Mays in Los Angeles einer längeren Krankheit erlegen. Er wurde 66 Jahre alt.

erstellt: 11.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

 


 

Alte muenze berlin

 

 

House of Jazz, so schön verständlich wie zutreffend, darf die Alte Münze nach dem Umbau nicht heißen.
„House of Jazz“, das klingt zu sehr nach Till Brönner.
Der mit einem Konzept dieses Namens zwar früh gestartet, aber abgeblitzt ist, nachdem sein einstiger Förderer, Tim Renner, auf dem entscheidungsrelevanten Posten des Berliner Kultursenators von Klaus Lederer (Linke) abgelöst wurde.
Brönner musste zwei Mitbewerber mit an Bord nehmen, zu offen-
kundig waren die Bedenken, ein Jazzhaus nach seinem Gusto würde der Vielfalt des Genres nicht gerecht.
Nun bekommt er den Zuschlag zusammen mit der Deutschen Jazz Union sowie der IG Jazz Berlin für eine Institution, die begrifflich auf tönernen Füßen steht, eine Ankerinstitution des Jazz in Berlin.
Man kann sich gut vorstellen, wie sich die Fremdenführer auf den Touristenbooten vor Lachen kaum auf den Beinen halten, wenn sie dereinst das Areal an der Spree passieren und ausrufen:
„Auf der rechten Seite das Gelände der Alten Münze am Molkenmarkt, 1935 von den Nazis gebaut, bis 2005/06 wurden dort Münzen geprägt, heute befindet sich darin die Ankerinstitution des Jazz in Berlin!“
Das zukünftige Haus einer umfassenden Jazzkultur verbal neu anzusteichen, dürfte ein Leichtes sein gemessen an dem Aufwand, die Wogen zu glätten, die weitere Mitbewerber ausgelöst haben.
Darunter die Spreewerkstätten, die mit einjährigen Mietverträgen seit 2014 bereits auf dem Gelände wirken und davon ausgingen, „dass die Alte Münze ein transdisziplinärer Veranstaltungsort wird“ (so gegenüber der taz).
Sie gehen ebenso leer aus wie eine Vereinigung der Neuen Musik, die für gewöhnlich in solchen Konkurrenzen gute Karten hat und immerhin vom Rückwind des einstigen Bundesinnenministers Gerhart Baum (FDP) sowie vom Komponisten Péter Eötvös getragen wurde, die Initiative Neue Musik Berlin (INM).
„Gemessen an dem Prozess und den Bedarfen der freien Musikszene insgegsamt ist es ein kulturpolitisches Desaster“ (gleichfalls in der taz).
Dabei hatten die Initiativler ihre Vorstellungen in einer bunten Karte, schön wie ein Mobile, vorgebracht.
INM Bild

Demgegenüber betont die Senatsverwaltung, die unterlegenen Bewerber seien zu wenig von ihren Konzepten abgewichen, um auch andere Genres zu integieren. Das House of Jazz hat auf dem Weg zum Ankerzentrum offensichtlich die entscheidenden Wandlungen vollzogen.
Es soll saniert werden, bis 2026. Der Senat stellt dafür 35 Mio Euro bereit, für den dann laufenden Betrieb hat der mitbeteiligte Bund noch nichts zugesagt.
Ob man dann oder - Berlin, Berlin - ein paar Jahre später einen Traum von Till Brönner erleben wird, ein Großensemble nach dem Modell des französischen Orchestre National de Jazz…
bis dahin werden noch viele Touristenboote die Baustelle passieren.

erstellt: 24.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

35 Sekunden Nachruf in der Hauptausgabe der Tagesschau.
Judith Rakers spricht die Namen unfallfrei („… spielte an der Seite von Albert Mangelsdorff, Volker Kriegel oder Charlie Mariano“ (diesen Namen spricht sie semi-amerikanisch aus) - welchem Jazzmusiker aus Deutschland ist schon eine solche Aufmerksamkeit vergönnt?
Obwohl, Dauner, dessen offenkundiger Humor schnell auch eine motzige Färbung annehmen konnte, hätte er denn diesen Nachruf vorab gesehen, die Formulierung, wer von den drei Zitierten an wessen Seite gespielt habe, perspektivisch anders gewählt hätte.
Auf 36 Seiten in Knauer´s „Geschichte des Jazz in Deutschland“ wird er geführt, auf manchen mehrfach.
Und vieles, was da steht über „…_Weg bereitet“ und in den ersten Nachrufen „Urvater des deutschen Jazz“, „revolutionär“ etc. ist nicht falsch.
Dauner gehört unbestritten zu denen, die die Topographie des Jazz nach 1945 in diesem Land modelliert haben.
Gleichwohl muss man manchem heute die Linie nachzeichnen, die von „Stuttgart´s great son“ zu dem Berserker gleichen Namens in den sechzigern führt.
Dauner totalDauner war ein Mann der Tat.
Er trat mit nacktem Schlagzeuger auf, ein Klavier brannte, er spielte unter Bundeswehr-Tarnnetzen, gelegentlich spielte er auch ganze Säle leer.
Seine Laufbahn folgte auch insofern dem klassischen Weg der alten (Avant) Garde, als sie nicht direkt aus einer Akademie führte, sondern nach einem sogenannten ordentlichen Beruf, Maschinenschlosser („meine Pflegemutter hat gesagt: „Bub, bevor der nächste Krieg kommt, musst du ein richtiges Handwerk lernen.“) erst mal auf einer Parallelbahn wirtschaftlich Schwung aufnahm (Dauner hat als Trompeter bei Bäderkonzerten Maria Rökk und Zarah Leander begleitet), bevor sie sich dann auf das eigentliche Gleis begab.
Der unwahrscheinliche Ekklektizismus des Wolfgang Dauner, der sich unglaublich vieles zutraute und anpackte, und manches aus wirtschaftlichen Gründen nicht verschmähte, er nahm dort wohl seinen Anfang.
Vielleicht aber ist gerade dieser unwahrscheinliche Ekklektizismus der Grund, dass in diesem großen Aktivismus einzelne gelungene Projekte aufleuchten (z.B. das erste „Et Cetera“-Album, aufgenommen im Dezember 1970 in London), ein konzeptioneller Kern, ein Stil aber kaum zu erkennen ist. Dass über lange Strecken vieles in gediegener Konvention (das United Jazz + Rock Orchestra zum Beispiel) sich gefiel. Und schon gar nicht bis Amerika tönen konnte.
Wer an wessen Seite spielte, die Frage ist in den Fällen Albert Mangelsdorff und Eberhard Weber leichter zu beantworten.
Wolfgang Dauner, geboren am 30. Dezember 1935 in Stuttgart, ist ebendort am 10. Januar 2020 einer längeren Krankheit, wie es heißt, erlegen. Er starb keine zwei Wochen nach seinem 84. Geburtstag.

erstellt: 10.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

 


Er habe, sagt ein Teilnehmer, zum ersten Male bei einem Jazz-Ereignis seinen Rucksack auf Sprengstoff durchsuchen lassen müssen.
Das war anlässlich der Trauerfeier für Wolfgang Dauner, Stuttgart´s „great son“, im Theaterhaus.
Aber nicht der Verstorbene war Grund für die vorbeugende Maßnahme, sondern die Anwesenheit von Prominenz, allen voran der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann.
Er war tatsächlich gekommen, wie erst neulich an dieser Stelle gemutmaßt.
Laut Stuttgarter Zeitung wurde er bei seiner Trauerbekundung sogar „philosophisch“.
Und zwar mit einem Gedanken, an dem die Jazzwelt sich berauscht wie sonst Menschen in der Shisha Bar, der von anderen Teilen des Wahlvolkes aber bestritten werden dürfte:
„Jazz ist Freiheit, das Synonym für ein besseres Leben.“
Dauner kuhn 1 1Neben Kretschmann sah man Fritz Kuhn (Foto), den grünen OB der Stadt.
Und sogar Günther Oettinger, Vorvorgänger Kretschmann´s und bis vor wenigen Wochen EU-Kommissar.
Der häufig Unterschätzte und Fehlgedeutete dürfte unter zehn Rednern der einzige gewesen sein, der mit dem Verstorbenen aktiv musiziert hat: bei einer Feier sollen Dauner & Oettinger vierhändig am Klavier so manches durchgeknetet haben von „Yellow Submarine“ bis „Marina“ von Rocco Granata (1959) - ein wahrhaft Dauner´sches Panoroma.
Reproduzierbar diesmal nur der Dialog des Sohnes, Florian Dauner am Schlagzeug, mit dem Vater am Piano, „vom Band“.
Abschließend mussten die 600 Trauergäste sich ins Foyer begeben, sie durften von beiden Seiten den vorbeigetragenen weißen Sarg mit Blumen bewerfen.
Die können´s die Stuttgarter, staunt der Berichterstatter aus der Ferne.
Die können feiern. Gerade auch in der Trauer.
Dauner Sarg 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Leif Piechowski
erstellt: 23.01.20

©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Es spricht manches dafür, den eintägigen Platzhalter zwischen den dreitägigen Jazzfestivals Münster (in den ungeraden Jahren) nicht mehr nur „Jazz In Between“ zu nennen, sondern die Verbindung zur Hauptsache nunmehr auch im Titel kenntlich zu machen: Jazzfestival Münster „shortcut“.
Zumal die Programmarbeit, wie Festivalchef Fritz Schmücker betont, von denselben Leitlinien bestimmt sei: Vielfalt (zumeist von europäischen Ensembles) und Deutschlandpremieren.
Es sind dies sehr formale Konzepte, zu deren Schattenseiten in Münster - in geraden wie in ungeraden Jahren - mitunter Fragwürdigkeiten, ja Abstürze gehören.
Die Atmosphäre im Theater Münster ist anregend, die Stimmung bestens, die Zuhörer applaudieren alles durch, was ihnen Schmücker in ausführlichen persönlichen Worten serviert, wobei er sie geradezu an die Hand nimmt; kein Wunder, dass die Musiker in soviel Wohlwollen baden.
Der Kritiker aber muss die Begeisterung nicht teilen, er muss der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes gerecht werden und Unterschiede nicht einfach nur feiern, sondern markieren.
Dabei begann „shortcut“ bestens, mit Jazz auf der Höhe der Zeit, Post Free Jazz um genau zu sein, in konzeptionell und handwerklich kaum mehr zu überbietender Dringlichkeit.
Dem Auftritt von Koma Saxo liefen allein schon deshalb große Erwartungen vorauf, weil das Debütalbum des schwedisch-finnisch-deutschen Quintetts von stellenweise starken elektro-akustischen Transformationen lebt, von Strukturen, die live gar nicht darstellbar sind.
Wie würde man das auf der Bühne lösen?
Indem man völlig drauf verzichtet!
Es brauchte ein paar Minuten, um sich die drei Saxophone (Jonas Kullhammar, Otis Sandsjö, Mikko Innanen) transparent zu hören. Hilfreich dabei, dass sie sich zunächst auf eine Art Fanfaren-Melodik beschränkten, ein melodisches Hupen, wie man es aus den 80ern von Pigbag sowie aus Teilen der Minimal Music kennt.
Ebenso hilfreich, sich zunächst auch an die Rhythmusgruppe zu halten, an Petter Eldh, b, und Christian Lillinger, dr. Sie überfallen einen mit einem Gewusel aus drum´n´bass, swing, Rock und frei-metrisch, das begrifflich noch gar nicht erfasst ist.
Üblicherweise schreit man in einem solchen Fall, Musiker dieses Kalibers seien „ihrer Zeit voraus“. Nein, sie markieren unmittelbar das Hier & Jetzt. Koma Saxo ist Jazz-Gegenwart. Was sie morgen machen, wissen sie selbst nicht. Ob ihnen andere folgen werden (oder können), ist ebenso ungewiß.
Koma Saxo MS 1

Irgendwann schälen sich aus der kompakten Sax-Attacke Individuen heraus:
Mikko Innanen an Sopranino-, Alt- und Baritonsax, Otis Sandsjö mit den für ihn typischen multiphonics, Jonas Kullhammar am Tenor, der gelegentlich auch eine hohe Flötenstimme obenauf legt.
Das Quintett spielt Stücke aller Mitglieder (und dazu anderer schwedischer Komponisten). Petter Eldh sagt sie an und druckst herum, er sei eigentlich nicht der Bandleader. Andere Leader würden´s dabei bewenden lassen. Aber spätestens, als er Christian Lillinger als „from East Germany“ lokalisiert, ahnt man: da kommt noch mehr.
In der Tat; Eldh, der auf der Bühne normalerweise stumm seine virtuosen Dienste versieht, hat sich auf seine neue Rolle vorbereitet. Sein Modell ist ein britischer Comedian (den wir nicht kennen), sein running gag in Münster war „the West Coast of Sweden“.
Das Publikum erkannte: hier darf man lachen. Der Höhepunkt war erreicht, als Eldh über einen der Fremd-Komponisten spricht, verstorben in Stockholm, „but he kept a boat at the West Coast of Sweden“.
Danach schütten die Bläser einen Choral in ihren Kanon-Zerhäcksler, und die Rhythmusgruppe feuert darunter ein wechselndes Pattern nach dem anderen.
Pause.
Dann Arielle Besson, tp, und Lionel Suarez, bandoneon, aus Frankreich. Ja, diese Kombination ist neu, aber was sie spielen, ist bestens vertraut. Sie setzen auf Repetition (wie vor ihnen Koma Saxo), aber nahezu jede Wendung, jede Variation kommt wie erwartet.
Das Entzücken resultiert weniger aus dem Was, sondern aus der Präsentation. Die beiden versprühen eine Freude, als sähen sie sich das erste Mal (und nicht seit zehn Jahren). Vor allem Madame ist tres charmant.
Gelobet seien die, die an einem solchen Abend auf jeden Programmpunkt separat sich einstellen können, die so tun, als hätten sie vorher gar nichts gehört.
Der Kritiker wünscht, er wäre darin begabt wegzuhören, was alles falsch war, als schlußendlich Hank Roberts (ja der of Bill Frisell fame) mit italienischen Musikern in schläfriger Bräsigkeit versank. Von Groove und sauberer Intonation haben alle noch nie was gehört.
Man konnte der Idee verfallen, den Bandnamen Pipe Dream in einer sehr volksnahen Übersetzung zu verstehen.
Ein Absturz, ohne Frage.

erstellt: 06.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten