Roger Fagge, Nicolas Pillai, Tim Wall (Hg)

Rethinking Miles Davis
264 S., ca 27 € paperback, ca. 15 € eBook (Kindle)
Oxford University Press. 2026
ISBN 978-0-19-008580-3


Wann hat es das je gegeben: ein Jazzbuch, das mit einer „Warnung“ aufwartet?

(Und wir sprechen hier nicht von einem Buch aus den fünfziger Jahren oder früher).
„Das folgende Kapitel befasst sich mit dem Werk eines Frauenfeindes und Serienvergewaltigers. Jegliche Freude, die man beim Studium von Miles Davis empfindet, sollte in direktem Zusammenhang mit diesen Taten gesehen werden. Wenn wir Miles Davis hören, sollten wir unsere Werte und die Welt um uns herum kritisch hinterfragen. Trotz der Forderung, Musik von den Menschen zu trennen, die sie schaffen, ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es so etwas wie ´die Musik an sich´ nicht gibt.“

Das Kapitel schließt mit einem Aufruf zu einer bizarren Form betreuten Hörens:

„Ich würde andere dazu ermutigen, in Zukunft ähnliche Äußerungen zu machen, sei es in Printmedien oder im Film, auf Albumcovern oder vor der Aufführung von Davis’ Musik.“

Wie müssen wir uns das praktisch vorstellen?

Werden wir demnächst MusikerInnen auf der Bühne erleben, die eine Interpretation von „All Blues“, „So what“ oder „Miles runs the Voodoo down“ freudig ankündigen und dann verlegen zur Seite nuscheln: „´tschuldigung, dass wir die Musik von einem ´misogynist and serial abuser of women´ aufgreifen - aber, wir finden sie klasse!“

Freunde der Alten Musik würden sich schlapp lachen oder wie auf eine Belästigung reagieren, leitete man die Aufführung eines Madrigals von Carlo Gesualdo (1566-1613) mit Hinweis auf dessen Doppelmord an Gattin & Liebhaber ein. 

Lyrik-Kenner (und in unserer kleinen Welt insbesondere Franz Koglmann (“O Moon My Pin-Up“) würden abwinken, wollte man ihr Interesse an Ezra Pound (1885-1972) schmälern unter Hinweis auf dessen Bewunderung des italienischen Faschismus.

Sie alle haben gelernt, Künstler und Werk zu trennen. Oder wissen zumindest von der Problematik, von dem einen auf das andere zu schließen.
Der Clou, Autor des Beitrages ist nicht irgendwer, sondern einer der führenden Vertreter der New Jazz Studies, Tony Whyton von der Universität Birmingham. Gut in Erinnerung unter seinen zahlreichen Arbeiten ist das Einleitungs-
kapitel zu „The Routledge Companion to Diasporic Jazz Studies“ (2025), einer der besten Beiträge dort.


Dass er nun, quasi an selber Stelle in einem anderen Band, dermaßen fehlgeht, ist eine große Überraschung.

Damit wir uns nicht gänzlich missverstehen: es war an der Zeit, das, was in den Miles Davis-Elogen gerne als seine „dunklen Seiten“ mitläuft, ausführlich zu beleuchten. Insoweit ist Whytons „Jazz Studies, Masculinity and #MeToo“ allein schon als Materialsammlung verdienstvoll. 

Eines der Fundstücke darin, die Legitimierung des inkriminierten Verhaltens von Miles Davis durch Autorinnen, beispielsweise durch die schwarze Musikologin Tammy Kernodle in der Filmdoku „Birth of the Cool“ (2019):
He was the personification of cool. The mythological hero. He becomes our black superman.“ 

Gefolgt von einer haarsträubenden Entschuldigung:

Er war wütend und ungesellig. Aber oft sind genau diese Unsicherheiten und Dämonen die Grundlage für Kunst. So wird Kunst zu einem Weg der Heilung. Sie gab ihm die Möglichkeit, Verletzlichkeit zu zeigen und eine Seite von sich preiszugeben, die er in der realen Welt nicht zeigen konnte“ (Kernodle).

Wie gesagt, Whyton entlarvt zahlreiche Äußerungen dieser Art als Ausdruck einer „romantischen“ Künstlerverehrung. Aber, er verharrt auf der Ebene der Diskursanalyse, er hinterfragt nicht den sachlichen Kern der Narrationen, obwohl er von der Frage offenbar schon gehört hat (nämlich „Musik von den Menschen zu trennen, die sie schaffen“.)

---wird fortgesetzt

erstellt: 07.07.26
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