Melvin Gibbs
How Black Music took over the World
304 S., 24.99 € Hardcover, 18.99 € eBook
Bloomsbury Academic. 2026
ISBN 978-1-399-43328-0

Im Jahr der Centennials von Miles Davis (26.05.) und John Coltrane (23.09.) geht so ein Titel durch wie Butter, oder, um mal wieder eine Titel-Parole von Eckard Henscheid zu bemühen, „Geht in Ordnung - Sowieso — Genau - “ (1977):
„How Black Music took over the World - Wie Schwarze Musik die Welt eroberte“.
Was für ein Buchtitel!
Denn, wohin man auch hört - spricht nicht aller Ohrenschein dafür?
(Hier mag ein jede/r seine/ihre Assoziationen von schwarzer Musik einrieseln lassen.)
„Wenn man die Definition von ´schwarz´ nimmt, die traditionell in den Vereinigten Staaten verwendet wird – einen Maßstab, der davon ausgeht, dass schon ´ein Tropfen´ schwarzes Blut einen Menschen als schwarz ausweist –, dann müsste man sagen, dass der Großteil der Musik, die heute auf unserem Planeten populär ist, schwarze Musik ist“, schreibt Melvin Gibbs in der Einleitung.
Wer hier einen Verweis auf die implizierten Genres vermisst, der bekommt sie im gleichen Atemzug:
Wenn man sich die Liste der in den Vereinigten Staaten beliebten Musikgenres ansieht – Hip-Hop, Pop, Country, Rock, Dance und Latin –, stellt man fest, dass sie alle entweder selbst Formen der Black Music sind, auf diesen basieren oder unter deren Einfluss entstanden sind“.
Aber, was ist mit Eminem und Elvis, die offenkundig Formen der Black Music verwenden, ohne durch das „one drop rule“ als Schwarze ausgewiesen zu sein?
Sie fehlen in diesem Buch (wie andere Berühmtheiten auch, wir kommen darauf zurück).
Auch die historische Dimension bei Gibbs ist problematisch:
„Schwarze Musik ist eine im Westen entstandene Form des klanglichen Schaffens, die Gedanken und Erfahrungen von Menschen widerspiegelt, die ihr Erbe bis nach Westafrika zurückverfolgen. Man könnte sagen: schwarze Musik ist die klangliche Umsetzung ihrer Kultur, die auf dem Wissen beruht, das ihre Vorfahren mitbrachten“.
Melvin Gibbs vertritt, wenig überraschend, hier eine essentialistische Position, deren Verweis auf den Ursprung „Westafrika“ eine „genealogische Kontinuität“ betone, „die tatsächlich historisch relevant ist, die aber auch die enorme interne Diversität des afrikanischen Kontinents und seiner Kulturen übersieht“ (wie uns der Musikpsychologe Reinhard Kopiez in der Debatte über dieses Buch mitteilt).
Gibb´s verschiedene Erklärungsversuche sind nicht kongruent zueinander, in ihren generalisierenden Tendenzen trennen sie nicht hinreichend zwischen Musik und Musiker.
(Gleichwohl sind ihm erstaunliche Details aus einzelnen afrikanischen Kulturen geläufig; er kennt z.B. einige Schriften des Wiener Musikethnologen Gerhard Kubik, leider aber nicht den „Open Letter about ‘Black Music’, ‘Afro-American Music’ and ‘European Music’, von Philip Tagg 1987, den man an manchen Stellen als das jeweilige Kontra heranziehen kann.)
Sehr viel später im Buch dann eine Volte, mit der Gibbs vieles Voraufgegangene wieder einreißt:
„Die Suche nach einem Kern, der Musik schwarz macht, ist irrelevant“.
Das ist ein Satz, dem vermutlich viele Musikethnologen zustimmen mögen.

„…an incomplete list of things Gibbs does not mention in the book“

Allen LoweGibb´s Buch ist wenige Tage auf dem Markt, da mischt sich unter die üblichen Lobhudeleien (u.a. in der NYT) eine fundamentale Kritik 
aus seinem Kollegenkreis, von einem - wie Gibbs - Mitarbeiter des US-Magazins JazzTimes: Allen Lowe, 72, Saxophonist, Jazzhistoriker.
Vor zwei Jahren hat er auf vier CDs unter dem Titel „Louis Armstrong’s America“ vier Dutzend eigene Paraphrasen zu jener Ära aufgenommen, getoppt jüngst von einer 30-CD-Box mit dem schönen Titel „Turn Me Loose White Man, or, Appropriating Culture: How To Listen to American Music 1900-1960“ - mithin einer, der rychtig was weiß über das Thema.
Lowes Kritik folgt einem historischen Ansatz; er führt mehr Details an, als für seine Argumentation nötig sind. (Obenan Gibbs´ unzureichende Behandlung von Black Minstrelsy, ein Aufreger-Thema auch in heimischen Jazzkreisen, denen Lowe´s Argumentation gar nicht gefallen wird, sowie das Fehlen von Louis Armstrong, „Ich bin verwirrt darüber, dass er in dem Buch nicht vorkommt“).
Melvin Gibbs antwortet auf derselben Webseite wenige Tage später, lauwarm; auf das Fehlen von Armstrong geht er nicht ein.
Beider Argumentation ist letztlich eine musikologische, beide streiten um das „Wie“ im Titel, kommen aber nicht auf die Idee, die Rezeption zu miteinzubeziehen, die quantitive Dimension. Immerhin geht es doch hier um „die Eroberung der Welt“ durch Musiker bzw. durch eine bestimmte Musik. (Ein Projekt namens „How Karlheinz Stockhausen took over the World“ könnte auf diesen Aspekt mangels Masse verzichten).
Gleichwohl, Lowe´s Fazit mag überraschend klingen, paradox gar - aber es trifft zu, auch aus unserer Sicht.
Lest das Buch, denn es hat viel zu bieten. Verlasst euch jedoch nicht darauf als historische Quelle, und bedenkt, dass der Titel nicht ganz wiedergibt, worum es in dem Buch wirklich geht“.
how black music took over the world gebundene ausgabe melvin gibbs englischNämlich: „Das Buch erzählt im Grunde davon, wie die schwarze Musik Gibbs’ Leben und seine Sichtweise verändert hat“ (Lowe).
Exakt. Es handelt sich um eine musikalische Autobiografie, oder besser gesagt: um den Bericht einer musikalische Sozialisation, mit der Folge einer musikalischenPraxis, die vielgestaltiger war & ist, als die vertrauten name jobs anzeigen, die sich mit diesem Namen verbinden.
Wir sprechen in der Tat über den Bassgitarristen Melvin Gibbs, vor wenigen Tagen ist er 68 geworden.
Viele haben ihn aus den Tagen mit Ronald Shannon Jackson in Erinnerung, oder mit dem Trio Powertools (mit Jackson und Bill Frisell, 1987), mit Jean-Paul Bourelly, vielleicht auch mit Defunkt, Harriet Tubman, der Rollins Band, und nicht zuletzt Arto Lindsay, mit dem er erstaunliche Erfahrungen in puncto afro-brasilianische Musik gemacht hat.
Es handelt sich demnach zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich um schwarze Bandleader bzw. Mitmusiker.
En passant erfahren wir auch, dass Tony Williams eine ausgesprochene Rockband eingeprobt hatte (mit Gibbs und neben dem Gitarristen Ronny Drayton u.a. der Sänger Mark Anthony Thompson aka Chocolate Genius).
Blue Note wollte sie nicht haben, später fand er das Interesse von Miles Copland (Manager von The Police). Das Projekt, das der großen Karriere von Tony Williams noch einmal eine Wende gegeben hätte, es kam durch seinen Tod im Februar 1997 zum Stillstand.
Melvin Gibbs hätte etliche Anekdoten - er walzt sie nicht aus, er nutzt sie als das, was sie für ihn waren: Ausgangspunkte des Lernens.
„Von allen Musikrichtungen, mit denen ich mich als Musiker auseinandersetzen musste, war die Sabar-Musik bei weitem die schwierigste.“
In New York City trifft Gibbs auf eine Band mit zwei Perkussionisten aus dem Senegal. Er hört nicht, wo die „Eins“ ist - für einen Bassisten tödlich.
(Nicht unähnlich Billy Cobham unter Trommlern in Bahia, in einer Doku von Mika Kaurismäki).
Eine Lösung ergab sich per Zufall.
„Ich sah Frauen, die zur Sabar-Musik tanzten. Sobald ich erkannte, wo ihre Füße im Verhältnis zu den Trommeln aufsetzten, konnte ich endlich richtig spüren, wo der Rhythmus tatsächlich lag. Sobald ich sah und verstand, dass der Sinn der Rhythmen darin bestand, eine Situation zu schaffen, die die Körper der Frauen – und ganz besonders ihre Hinterteile – in Bewegung brachte, konnte ich ihre Endpunkte vorhersehen.“
Ähnlich einsichtsvoll das Kapitel „The Art of Dub and the Science of Groove“ (in dem auch die Exkursionen mit Arto Lindsay nach Brasilien auftauchen).
Problematisch hingegen, wenn’s „philosophisch“ wird, etwa in der Gegenüberstellung von zweiwertiger Logik des Westens und der dreiwertigen Afrikas. Der Philosoph Daniel Martin Feige, mit dem wir eine entsprechende Passage diskutiert haben, hält den Verweis auf die zweiwertige Logik zwar für richtig, in der Gegenüberstellung zur afrikanischen (unter Auslassung der Dialektik) aber für „mindestens schief“.
Unser Urteil lautet denn auch irgenswie dialektisch: „How Black Music took over the World“ verfehlt klar seinen im Titel geäußerten Anspruch - ist aber durchaus lehrreich.

Foto (Lowe): Joe Mabel
erstellt: 04.06.26
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